Start des Realisierungs-Wettbewerbs

Nach 8 Jahren Planen, Verwerfen, Streiten geht jetzt die Planung des Umbaus des Jahnsportparks in eine entscheidende Phase. In der letzten Aprilwoche erfolgte die europaweite Ausschreibung eines Realisierungswettbewerbs für das Vorhaben. Die Ausschreibungsunterlagen kann man sich auf der Vergabeplattform des Landes Berlin herunterladen.

Ablaufplan

Der Wettbewerb wird als offener zweiphasiger hochbaulicher und städtebaulich-freiraumplanerischer Realisierungswettbewerb durchgeführt. D.h. er wird als ein Realisierungswettbewerb mit zwei Auftragsgegenständen durchgeführt. Dafür ist das Wettbewerbsgebiet Jahnsportpark geteilt: Teilbereich 1 des Realisierungsteils umfasst das Große Stadion mit dem direkten, für die Andienung und Erschließung des Stadions erforderlichen freiräumlichen Umfeld. Hierfür ist im Wettbewerb eine hochbauliche und freiraumplanerische Konzeption zu erarbeiten. Teilbereich 2 umfasst den östlich angrenzenden Sportpark, für den im Wettbewerb ein städtebaulich-freiraumplanerisches Konzept zu erarbeiten ist.

 

Erste Phase

Ausgabe der Wettbewerbsunterlagen 28.04.2022

schriftliche Rückfragen bis 15.05.2022

Beantwortung der Rückfragen bis 23.05.2022

Abgabe Wettbewerbsarbeiten bis 01.07.2022, 16:00 Uhr

Sitzung des Preisgerichts 08.+09.08.2022

öffentliche Präsentation 17.08.2022

Zweite Phase

schriftliche Rückfragen bis 06.09.2022, 12:00 Uhr

Rückfragenkolloquium 14.09.2022, 10:00 Uhr

Versand des Rückfragenprotokolls bis 19.09.2022

Abgabe Wettbewerbsarbeiten bis 03.11.2022, 16:00 Uhr

Abgabe der Modelle bis 17.11.2022, 16:00 Uhr

öffentliche Präsentation 08.12.2022

Sitzung des Preisgerichts 13.+14.12.2022

Ausstellungseröffnung voraussichtlich Januar 2023 

 

maßlos & rücksichtslos

So sehr sich auch die am Wettbewerb teilnehmenden Architekten und Planer bemühen werden, das Ergebnis wird maß- und rücksichtslos sein – gegen die Anwohner der umliegenden Quartiere, gegen die Stadtnatur und gegen das Stadtklima. Da nützen auch begrünte Dächer nichts. Das geforderte Neubauvolumen übersteigt die Planungen für Olympia 2000 von 1992/93 um 100%. War vor 30 Jahren das Ziel, die neuen Sportbauten in den Stadtraum einzufügen, wird mit den gegenwärtig geplanten gewaltigen Sportneubauten der Stadtraum dominiert und seine Qualitäten massiv demoliert.

Der angestrebte Abriss des Jahnstadions und die Errichtung eines neuen Großen Stadions für 20.000 Zuschauer mit rundum überdachten Zuschauerrängen und einem Stadiondach, dessen Oberkante 26 m über dem Straßenniveau sein soll, ist ein so gewaltiger Baukörper, der den Sportpark, die anliegenden Wohnquartiere und den Mauerpark dominieren wird. Noch gravierender als die Dominanz im Stadtbild wird die Belastung durch die Nutzung des Stadions sein, insbesondere durch die größeren Publikumsmassen und die dann sehr viel häufigeren Sport- und Kulturevents. Diese werden durch die Besucherströme von Max-Schmeling-Halle, Mauerpark und weiteren Sportanlagen im Sportpark potenziert. Ein Verkehrskonzept, dass diese Zuschauerströme verträglich für das Wohnumfeld gestalten könnte, ist nicht in Sicht. Soziale und ökologische Stadtplanung funktioniert andersherum: die Dimensionen der Neubauvorhaben werden den städtebaulichen, sozialen und ökologischen Möglichkeiten angepasst.

 

Klima-Killer

Der vorgesehene Abriss des bestehenden Stadions ignoriert die Klimanotlage vollkommen. Statt eines behutsamen Umgangs mit den Bestandsbauwerken und dem Primat von Erhalt und Um- und Weiterbau soll das Jahn-Stadion komplett abgerissen und ein vollkommen neues riesiges Bauwerk aus Beton, Stahl und Glas für den Leistungssport an gleicher Stelle neu errichtet werden. –

Das ist zukunftsvergessen und praktische Leugnung der Klimakrise.

Statt zu entsiegeln, sollen neben dem Stadion weitere neue große Gebäude im Sportpark errichtet und damit Beton verbaut und Boden versiegelt werden. Die Bruttogrundfläche der zusätzlichen neuen Gebäude ist noch einmal so große wie die des neuen Stadions. Damit verliert der Sportpark seine ökologische Qualität und seine kühlende Funktion für das Stadtklima in den umliegenden Wohngebieten.

Die Versiegelung der Freizeit-Sport-Wiese mit einen Kunstrasenspielfeld ist praktizierte Leugnung der Klimakrise.

 

Exklusiv statt Inklusiv

Das proklamierte und von allen Seiten befürwortete Ziel des Umbaus des Jahnsportparks lautet Inklusion. Die derzeitig absehbare Entwicklung löst aber dieses Versprechen nicht ein. Statt in erster Linie neue barrierefreie Sportstätten für den Schul-, Vereins-, Behinderten- und individuellen Freizeitsport zu schaffen, sollen die sehr begrenzten zusätzlichen Flächen prioritär dem Leistungssport und seinen nationalen und internationalen Sportevents mit großen exklusiven VIP- und Medienbereichen reserviert werden. Der Vereins- und Schulsportbetrieb braucht inklusive Funktionsräume (Umkleideräume für Sportler und Betreuer, Sanitäranlagen, Besprechungs- und Büroräume) für den unmittelbaren Sportbetrieb. Alles was darüber hinausgeht gehört angesichts der Flächenknappheit nicht in den Sportpark und schließt wichtige Sportbedarfe von seiner Nutzung aus.

 

Kein Geld für den Sportpark?

Nur die 110 Mio. € für den Abriss und Stadionneubau sind bislang in der Haushaltsplanung des Landes Berlin eingestellt. Die 60 Millionen Euro für den Sportpark sind auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben worden. Das zeigt deutlich, dass es den Sportbeamten und Verbandsfunktionären in erster Linie um eine neue repräsentative Eventarena für den nationalen und internationalen Leistungssport geht und nicht um einen inklusiven Sportpark für alle.

 

Nachhaltige und ökologische Lebensqualität für alle!

Der Wettbewerb sollte im Ergebnis einen inklusiven Sportpark mit so viel barrierefreier Sportfläche (plus dazugehörigen Funktionsräumen) für Vereins- und Schulsport wie möglich, mit so wenig Abriss wie unabweisbar nötig, mit maximaler unversiegelter Freifläche und mit maximaler barrierefreier, frei nutzbare Sportfläche für alle im Ziel haben.

Dafür muss das exorbitante Raumprogramm der Auslobung in seiner Bedeutung und Verbindlichkeit vom Auslober relativiert werden. Entscheidend sollte der Gewinn für den Vereins-, Schul-, Behinderten- und individuellen Freizeitsport, der Gewinn für die Stadtökologie und das Stadtklima, der Gewinn für die Lebensqualität im Stadtteil sein.

M. Nelken | 04. Mai 2022

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Jahn-Stadion – die Abriss-Kugel rollt!
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