In einer öffentlichen Video-Veranstaltung am 15. Dezember 2021 informierte der BI Jahnsportpark über den aktuellen Stand und diskutierte mit den Gästen die Herausforderungen für die kommenden Monate. Philipp hat uns seinen dort gehaltenen, sehr informativen Einführungsbeitrag zur Veröffentlichung zu Verfügung gestellt.

 

Bericht der BI Jahn-Sportpark zum Stand des Werkstatt- und Beteiligungsverfahren zum Umbau des Jahnsportparks, Philipp Dittrich |15.12.21| :

  1. Werkstattverfahren: Verlauf und Ergebnis

Von Mai bis September 2021 fand ein sog. partizipatives Werkstattverfahren zum Jahn-Sportpark statt. Im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen untersuchten drei interdisziplinäre Teams (Architektur, Landschaftsarchitektur, Stadtplanung) drei verschiedene Aufgabenstellungen:

Team 1:   Abriss des Stadions und Neubau an gleicher Stelle

Team 2:  Umbau und Erhalt des bestehenden Stadions

Team 3: Neubau eines Stadions an alternativer Stelle im Sportpark und Teilnutzung des bestehenden  Stadions

Die verschiedenen Interessenvertretungen wurden in vier „Segmente“ mit je fünf Personen (zuzgl. je einer Stellvertretung) eingeteilt und bildeten die Projektgruppe:

Segment 1:    Verwaltung (SenInnDS, SenSW, SenBJF, SenUVK, Bzk Pankow)

Segment 2:    Sport (LSB, BSB, BLV, Bezirkssportbund Pankow, Netzwerk Inklusion)

Segment 3:   Bürgerschaft (Brunnenviertel eV, Bürgerverein Gleimviertel e.V., Freunde des Mauerpark eV, BI Jahnsportpark, Architects4Future)

Segment 4:    Stadtgesellschaft (Landesbeirat für Menschen mit Behinderung, Landeseniorenbeirat, Beirat für Familienfragen, Lesben- und Schwulenverband Berlin Brandenburg, Naturfreunde Berlin)

Es fanden sechs Projektgruppensitzungen, drei öffentliche Werkstätten und drei Planungsworkshops unter Beteiligung der Projektgruppe statt – innerhalb des kurzen Zeitraums eine zeitliche Herausforderung für alle Beteiligten.

Das Ziel, noch vor den Wahlen im September 2021 zu einem mehr oder minder einvernehmlichen Ergebnis bezüglich der Kernfrage von Stadionabriss oder –umbau zu kommen, konnte nicht erreicht werden. Nach mehreren Sitzungen einigte sich das Lenkungsgremium (Staatssekretäre f. Inneres/Sport und Stadtentwicklung sowie der Bezirksbürgermeister von Pankow) darauf, dass die Klärung dieser Frage im Rahmen des Realisierungswettbewerbs erfolgen solle. Dies gibt die Empfehlungen, die von allen Mitgliedern der Projektgruppe am Ende des Verfahrens ausgesprochen wurden, in etwa wieder: Während Segment 2 weiter Abriss und Neubau favorisiert, votierte Segment 3 einhellig für die Umbauvariante. In den Segmenten 1 und 4 waren die Voten unterschiedlich. Hervorzuheben ist das klare Votum des Bezirks Pankow für den Umbau des Stadions.

Aus Sicht der Bürgerschaft ist es als Erfolg zu werten, dass im Rahmen dieses Verfahrens erstmals überhaupt die Frage des Umbaus ernsthaft planerisch untersucht wurde – und dass die Möglichkeit, die gesteckten Ziele des Sports durch Umbau zu erreichen, bestätigt wurde.

Ein weiterer Erfolg ist, dass Stadion und Sportpark interdisziplinär gemeinsam beplant wurden. Erstmals wurde damit der ganze Stadt- und Landschaftsraum betrachtet. Die Bedeutung identitätsstiftender Elemente wurde von allen drei Teams erkannt und (teilweise) berücksichtigt.

Erfreulich ist auch, dass die Diskrepanz zwischen den Szenarien Abriss/Neubau und Umbau deutlich kleiner wurde. So soll sich auch der Stadionneubau in den vorhandenen Schuttwall einfügen. Umgekehrt wurde deutlich, dass ein Umbau tiefgreifend sein muss, um die Anforderungen zu erfüllen. Das bedeutet z.B.: Neue Ränge, neue Überdachung (außer Haupttribüne).

Alle drei Teams kritisierten außerdem das viel zu große Bedarfsprogramm, dass die im Jahn-Sportpark vorhandenen Flächen überfordert. Dieses Bedarfsprogamm war im Werkstattverfahren nicht verhandelbar – dazu mehr im Folgenden Kapitel:

  1. Wettbewerb: Haushalt und Auftragsversprechen

Planungswettbewerbe sind Teil von Vergabeverfahren. Sie unterliegen daher strengen Regeln des Vergaberechts (Vergabeverordnung) und den Richtlinien für Planungswettbewerbe (RPW). Dort wird unterschieden zwischen Realisierungs- und Ideenwettbewerben. Letztere dienen i.d.R. der Klärung offener Fragen bei komplexen, meist städtebaulichen Problemstellungen und münden oft in einen anschließenden Realisierungswettbewerb auf der Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse. Entscheidend ist, dass im Ideenwettbewerb kein Auftrag ausgelobt werden darf und es sich somit nicht um ein Vergabeverfahren handelt. Ein Realisierungswettbewerb kann hingegen nur ausgelobt werden, wenn ein Auftragsversprechen gegeben werden kann. Bei öffentlichen Auftraggebern wie dem Land Berlin setzt das voraus, dass das Projekt im Landeshaushalt veranschlagt ist. Damit verpflichtet sich das Land zur Finanzierung und die Wettbewerbsteilnehmer, die fünf- bis sechsstellige Beträge in die Wettbewerbsteilnahme investieren, haben die Gewissheit, dass zumindest ein Preisträger einen Auftrag erhalten wird.

Wie die BI Jahnsportpark im November festgestellt hat, konnte SenSW nur die Kosten des Stadions zur Festsetzung im Haushalt anmelden (97 Mio. €, ab 2023). Weitere 60 Mio. € für „Modernisierung und Sanierung des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks, 3. BA“ wurden auf die Jahre ab 2026 verschoben – d.h. in die nächste Legislaturperiode! Gerade die Sportanlagen, die für den Schul-, Vereins-, Inklusions- und Breitensport am wichtigsten sind, sind also in weiter Ferne. Der Grund ist, dass das Bedarfsprogamm seitens der Sportverwaltung (SenInnDS) noch nicht einmal fertig aufgestellt, geschweige denn durch SenSW baufachlich geprüft vorliegt. Damit fehlt es an der Grundvoraussetzung für die Veranschlagung im Haushalt!

Das hat eine unerfreuliche Konsequenz für den Wettbewerb, der in 2022 stattfinden soll: Nur das Stadion kann als Realisierungswettbewerb ausgelobt werden. Um zu vermeiden, dass nun wieder eine getrennte Planung von Stadion und Sportpark erfolgt, was deutlich hinter den Stand des Werkstattverfahrens zurückfiele, will SenSW versuchen, den Sportpark als „Ideenteil“ anzuhängen. Das ist ein ehrenwerter Versuch die Versäumnisse der Sportverwaltung auszubügeln, birgt aber zwei Risiken:

  1. Es ist vergaberechtlich unklar, wie ein Entwurf aus dem Ideenteil beauftragt werden kann.
  2. Aufgrund des fehlenden Auftragsversprechens für den Sportpark wird die Dominanz des Stadions noch größer und der Wettbewerb für Landschaftsarchitekten und Stadtplaner uninteressant. Auch das würde hinter die interdisziplinären Planungen im Werkstattverfahren weit zurückfallen.

Aus Sicht der Bürgerschaft muss mit der Auslobung des offenen, zweiphasigen, interdisziplinären, Realisierungswettbewerbs gewartet werden, bis auch der Sportpark im Haushalt veranschlagt ist und somit gemeinsam mit dem Stadion Teil des Realisierungswettbewerbs werden kann.

Siehe hierzu auch die Pressemitteilung der BI Jahnsportpark vom 26.11.2021
https://www.jahnsportpark.de/presse/

  1. Was wir bisher erreicht haben
  • Der Abriss des Cantian-Stadions, Rodungen und Baumfällungen, sowie der Abtrag des Walls sollten bereits Ende 2020 beginnen und konnten bislang verhindert werden.
  • Das Cantian-Stadion steht und wird wieder bespielt, mit potentiell bis zu 10.000 Zuschauern.
  • Ein B-Planverfahren wurde begonnen anstelle der ursprünglich vorgesehen, sehr fragwürdigen Genehmigung nach BauGB § 34 („Einfügegebot“).
  • Ein partizipatives Werkstattverfahren hat unter reger Beteiligung der Anwohnerschaft stattgefunden.
  • Erstmals wurde die Möglichkeit eines Stadion-Umbaus ernsthaft planerisch geprüft.
  • Die Möglichkeit eines inklusiven Umbaus des Stadions wurde bestätigt.
  • Der Erhalt identitätsstiftender Elemente, wie z.B. der Flutlichtmasten, ist im Bewusstsein der Projektbeteiligten verankert.
  • Die Notwendigkeit einer Gesamtplanung von Stadion und Sportpark wurde deutlich und wird von SenSW vertreten.
  • Der vorgesehene interdisziplinäre, offene und zweiphasige Realisierungswettbewerb mit partizipativen Elementen ist vielversprechendes Verfahren – unter den o.g. Voraussetzungen.
  1. Wie es weiter geht
  • Wir setzen uns weiter gemeinsam mit anderen Vereinen und Initiativen für den Umbau des Tribünengebäudes, den Erhalt der Flutlichtmasten, den Baum- und Buschbestand, die nutzungsoffene Wiese und die klimatische Ökosystem-Leistung des Jahnsportparks ein.
  • Wir streben die Beteiligung am partizipativen Wettbewerbsverfahren im kommenden Jahr an.
  • Wir setzen uns gemeinsam mit anderen Vereinen und Initiativen für Veranschlagung des 3. BA (Sportpark) im Haushalt dieser Legislaturperiode ein, denn nur damit wird ein Realisierungswettbewerb für das ganze Gelände möglich.

Anmerkung des Vorstandes des Bürgervereins zum Bericht:

Wir haben uns seit 2015 stets dafür eingesetzt, dass der Umbau des Jahn-Sportparks (inklusive eines möglichen Um- oder Neubaus des großen Stadions) nur auf der Basis einer integrierten Planung erfolgen darf, die alle Nutzungsinteressen im Sportpark und die Einfügung der neuen Nutzungsqualität in den Stadtraum berücksichtigt. Dazu bedarf es eines fundierten Verkehrs- und Erschließungskonzepts ebenso wie die Sicherung der ökologischen Qualitäten des Sportparks für die umliegenden Wohngebiete. Zu dem sollen die Möglichkeiten des unorganisierten Freizeitsport für die Anwohner*innen verbessert werden.

Ohne ein transparentes ergebnisoffenes Planverfahren und vielfältige Beteiligungsmöglichkeiten für die Bürgerschaft kann keine gute Planung entstehen. Wir unterstützen uneingeschränkt die Forderung der BI Jahn-Sportpark.

M.Nelken | 01.01.2022

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