165 Jahre bürgerliche Revolution im Gleimviertel

"Einsame Pappel" mit Gedenkstein an der Topsstraße

Schaut man aus der Vogelperspektive auf das Gleimviertel, so fällt auf, dass ca. ein Drittel der Fläche vom Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, dem ehemaligen Exer, eingenommen wird. An seinem südlichen Rand, in Steinwurfweite zur Schönhauser Allee, steht an der Topsstraße die Einsame Pappel. Sie ist Baum- und Geschichtsdenkmal zugleich. Unter ihrer Krone haben sich 1848 bedeutsame Ereignisse vollzogen. Heute sind sie von der Politik vergessen und verdrängt.

Ein Gedenkstein erinnert an die Ereignisse um die Märzrevolution 1848. Auf seiner Inschrift wird die Forderung nach der Beendigung der Willkürherrschaft, die Verbesserung der Löhne und eine allgemeine Schulpflicht erhoben. 10 bis 20.000 Bürger hatten sich unter der Schwarzpappel versammelt. Unter ihnen Maschinenbauer Siegerist und der Goldarbeiter Bisky, die beide auf den Barrikaden in der Innenstadt gekämpft hatten. Sechs Forderungen stellte die Versammlung:

  1. Die Bildung eines Arbeitsministeriums, zusammengesetzt aus Arbeitern und Unternehmern, dass die Löhne erhöhen und die Arbeitszeit verkürzen sollte.
  2. Verringerung des stehenden Heeres.
  3. Volkserziehung auf Kosten des Staates.
  4. Versorgung bei Invalidität durch Arbeitsunfällen.
  5. Eine wohlfeile Regierung.
  6. Zusammensetzung eines neuen Landtages durch Urwahlen mit allgemeiner Wählbarkeit

Eine sechsköpfige Delegation brachte dem Preußischen König Friedrich-Wilhelm IV am 29.März 1848 die Forderungen persönlich vor. Der hatte sich aber von den Barrikadenkämpfen und dem Tod der 270 Märzgefallenen erholt und bereitete die Konterrevolution vor. Die Petition wies er in schroffer Form zurück.

Der Platz an der einsamen Pappel blieb weiterhin Versammlungsort der Berliner Arbeiter. Vor allem auch in der Zeit der Bismarckschen Sozialistengesetze 1878.  Als sich der Prenzlauer Berg immer weiter ausdehnte und auch das Gleimviertel sukzessive bebaut wurde, war es mit dem Platz und der Einsamkeit vorbei.

1967 wurde die über 150 Jahre alte Schwarzpappel gefällt. Sie war marode geworden und hatte ihre besten Tage hinter sich. Die Baumschule der ehemaligen Pionierrepublik Wilhelm Pieck in Altenhof am Werbellinsee zog aus ihren Reisern den neuen Baum. Er ragt jetzt wieder ca. 30 Meter in die Höhe. Sein Umfang misst stattliche 3 Meter.

Mit dem Einigungsvertrag 1990 galten die Denkmalpflegegesetze der DDR nicht mehr. Von den 160 Flächendenkmalen und 660 Einzelbäumen in Ostberlin war keines mehr schutzwürdig. Das betrifft auch die einsame Pappel und den Gedenkstein.

Gedenkstein für die Massendemonstrationen 1848 an der "Einsamen Pappel", Topsstraße

Der Verfasser kann sich nicht erinnern, dass es am 26./27. März dieses Jahres, dem 165. Jahrestag der Märzrevolution, irgendeine politische Aktion um den  Gedenkstein herum gegeben hätte.

Es scheint fasst, dass sich die bürgerlichen Parteien und die Sozialdemokratie ihres revolutionären Erbes schämten, oder ist es pure Gedankenlosigkeit und Geschichtsvergessenheit im Hier und Jetzt?

Kann es es denn sein, dass der große deutsche Philosoph F. W. Hegel schon wieder Recht hat, indem er in seinen Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie resümierte: „Was die Erfahrung aber und die Geschichte lehren, ist dieses, dass Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben.“

Ich weigere mich das zu glauben!

Hartmut Dold

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Das Gleimviertel – die Einsame Pappel
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