Nicht nur ein Kunstprojekt

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In diesen Tagen, Ende März, ist der Blick öfter als um diese Jahreszeit üblich, auf die schnee-und eisglatten Bürgersteige gerichtet, um nicht zu stürzen. Da hat den Vorteil, dass man Dinge entdeckt, die sonst leichter zu übersehen waren. Zum Beispiel die Stolpersteine, in den Boden eingelassene Messingplatten zum Gedenken an die deportierten und ermordeten Juden und derer, die ihnen während der Nazizeit geholfen hatten.

Eines der weltweit größten Kunstprojekte, eben die Stolpersteine, soll daran erinnern. 4833 gibt es davon in ganz Berlin, ca. 230 in Prenzlauer Berg. Sechs Gedenksteine konnten im Gleimviertel ausfindig gemacht werden, davon waren die beiden Messingplatten in der Korsörer Straße 18 und 25 noch von Eis und Schnee bedeckt.

38.000 Stolpersteine wurden bisher allein in Deutschland in den Boden versenkt. Es gibt sie bisher in 800 deutschen Städten und Gemeinden und in 12 europäischen Ländern.

Idee und Entwurf

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Mit ihnen will der Projektgeber an die Menschen erinnern, die in der Nazizeit deportiert, ermordet oder in den Suizid getrieben wurden. Das waren in der Regel jüdische Mitbürger, aber auch einfache Menschen, die ihnen geholfen hatten. Die Idee dahinter war natürlich nicht ein Stolpern im herkömmlichen Sinne, sonder das Bewusstmachen von gelebter Geschichte an Hand von konkreten Einzelschicksalen, ein Stolpern mit dem Kopf und dem Herzen gewissermaßen. Damit sollte ein Gegenpunkt zu den herkömmlichen Gedenkstätten gesetzt werden, wo Politiker und andere Honoratioren sich an bestimmten Gedenktagen treffen, um die Opfer zu ehren.

Herstellung und Verlegungen

Es beginnt mit der Recherche der Lebensdaten der Opfer. Dann legt Demnig den Text fest und hämmert ihn auf die Messingplatten. Er beginnt in der Regel mit Hier wohnte, es folgen Name und Geburtsjahr und abhängig vom Einzelfall, Daten zum Deportations-und Todesort. Abweichend gibt es Beispiele für Bezeichnungen wie: Hier lebte, Hier wirkte, Hier lehrte oder Hier arbeitete

Die Herstellung, der in eine kubische Betonform gegossenen Messingplatten, erfolgt ausschließlich in Handarbeit. In der Anfangszeit nur durch den Künstler selbst. Jetzt lässt die Größe des Projekts das nicht immer zu. Die Betonsteine mit den Messingplatten und einer Kantenlänge von 10 cm werden in der Regel vor dem Wohnhaus des Opfers in das Pflaster des Gehwegs eingelassen.

Kritik

Das Konzept wird nicht von allen geteilt. Die Hauptkritik kam von der ehemaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, die es unerträglich fand, dass auf die  Nahmen von  ermordeten Juden herum getreten werden konnte. Dem gegenüber betont Demnig, dass das Bücken, um den Text auf den Steinen lesen zu können auch eine symbolische Verbeugung vor den Opfern wäre. Stolpersteine ganz anderer Art. Der Kritik haben sich nur wenige angeschlossen. Sie wurde aber beispielsweise ausgerechnet in München zum Anlass genommen, um die einigen bereits verlegten Steine wieder von der Straße zu entfernen. In anderen Städten haben sich Gerichte damit befasst und einige jüdische Gemeinden haben sich der knoblochschen Argumentation angeschlossen.

Stolpersteine in Berlin
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In Berlin wurden bisher 4833 Stolpersteine verlegt. Davon etwa 230 im Prenzlauer Berg und 6 im Gleimviertel. In der Korsörer Straße 18 wird an das Schicksal von Melchior Gruder erinnert, vor der 25 an das von Alexander, Betti und Röschen Michaelis. In der Kopenhagener Straße 18 gibt es eine Messingplatte für Max Heinrich Heidefeld und vor dem ehemaligen Haus und heutigen Kinderspielplatz Kopenhagener/Ecke Rhinower erinnern zwei Stolperstein an Gustav und Clara Seelig. Vor der Hausnummer 138/39 Schönhauser Alle wird an Paul Abraham erinnert und vor dem Haus Nr.130 an Georg Streiter, der deshalb ermordet wurde, weil er jüdischen Mitbürgern half.

Aus der Gleimstraße sind über ein Dutzend Namen von deportierten und ermordeten Juden bekannt, derer noch nicht gedacht wurde. Eine Aufgabe, die noch bewältigt werden könnte.

In Berlin unterstützen 12 bezirkliche Initiativen das Projekt. Es existiert eine Koordinierungsstelle, die als Kontaktstelle zwischen dem Künstler, seinem Team und den Initiativen fungiert. Außerdem gibt eine Liste, geordnet nach Bezirken und Unterbezirken auf der die Standorte der Stolpersteine vermerkt sind und die Ergebnisse der Erforschung der Einzelschicksale, soweit bekannt, dokumentiert wurden.
Über das Projekt und die aktuellen Termine berichtet folgende Seite: http://www.stolpersteine-berlin.de/de/stolpersteine

Auf Grund der Größe des Projekts lässt sich Demnig inzwischen durch den Künstler Michael Friedrichs-Friedländer unterstützen. Die Stolpersteine werden seit 2006 in seiner Werkstatt im Künstlerhof Berlin-Buch hergestellt.

Hartmut Dold

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Stolpersteine im Gleimviertel
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