Das Gleimviertel – Vertreibung und Gegenwart

Foto HD

Spätestens ab 1940 wurden Juden aus dem Gleimviertel in die Vernichtungslager des NS-Regimes im Osten deportiert. Die Züge gingen auch vom Güterbahnhof der Nordbahn ab.

Auf diesem Gelände entsteht zukünftig vermutlich die erste Gated Community Berlins, ein neues Areal für Reiche? Von dem könnte dann eine andere Art von Vertreibung ausgehen, nämlich die der Brunnenviertler durch steigenden Mieten.

Sollten die  Pläne anders lauten und bezahlbarer Wohnraum entstehen, entschuldigen wir uns für die Replik im voraus. Das ist aber nicht unser Thema.

Vertreibung der Juden aus dem Gleimviertel:

Aus den Archiven ist folgendes bekannt und es betrifft nur eine Straße des Gleimviertels, die Gleimstraße.

1940

  • 20. November: Ausbürgerung und Beschlagnahme des Vermögens der Familie Jacoby, der das Grundstück Gleimstraße 60 gehört.
  • 27. Oktober: Maria und Hermann Glaser sowie Cäcilie Worenczek und ihre 34 jährige Tochter Ilse, alle aus der Gleimstraße 13, werden mit dem 3. Transport nach Litzmannstadt (Lodz) deportiert und dort ermordet.
  • 13. Januar: Julius J.Schottländer wird aus seiner Wohnung in der Gleimstraße 36 mit dem 8. Transport nach Riga deportiert und dort ermordet.
  • 25. Januar: Eva Deutschmann aus der Gleimstraße 20a wird mit dem 10.Transport nach Riga deportiert und dort ermordet.
  • 19. März: Freitod von Bruno und Martha Friedländer aus der Gleimstraße 16 aus Furcht vor der Deportation.
  • 10. Oktober: Hans Hass aus der Gleimstraße 12 stirbt im KZ Buchenwald. Sein Bruder Jack war schon im September 1936 von der Gestapo verhaftet und in ein KZ verschleppt worden, weil er der KPD angehörte.
  • 26. Oktober: Margarethe Kohnke wird aus ihrer Wohnung in der Gleimstraße 55 mit dem 22.Transport nach Osten deportiert und ermordet.
  • 29. November: Selma Kaminski aus der Gleimstraße 13 wird mit dem 23. Transport nach Auschwitz deportiert und ermordet.
  • 3. Februar: Frederike und Walter Loewenberg, Gleimstraße 54, werden mit dem 28.Transport nach Auschwitz deportiert und ermordet.
  • 10. Februar: Im Reichsanzeiger Nr.33 wird die Enteignung des Vermögens der Reichsfeinde Chil und Rachla Rosenblatt, Besitzer des Hauses Gleimstraße 9 bekannt gegeben.

1943

  • 26. Februar: Erich Gabbe aus der Gleimstraße 59 wird mit dem 30.Transport nach Auschwitz deportiert und am 9.2.1945 in Mauthausen ermordet.
  • Eva und Max Placzek werden am gleichen Tage aus ihrer Wohnung aus der Gleimstraße 26 geholt und mit dem gleichen Transport nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
  • 4. März: Margarete und Erich Tuchler aus der Gleimstraße 27 werden mit dem 34.Transport nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
  • 28. Juni: Ihr Sohn, der 16.jährige Horst Tuchler, wird ebenfalls abgeholt und mit dem 39. Transport nach Auschwitz gebracht und dort ermordet.

1944

  • 3. Mai: Hertha Fleischer und ihr Pflegekind Norma werden aus ihrer Wohnung in der Gleimstraße 26 mit dem 52.Transport mach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
  • 12. Mai: Martin Fleischer, der seit dem 10.1.1943 im Gefängnis war und danach untertauchte, wird mit dem 55.Transport nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Einige der Transporte gingen vom Güterbahnhof der Nordbahn ab.

Frau M. Aus der Gleimstraße erinnert sich: „Beim Spaziergang mit unserem Vater sahen wir, wie eine jüdische Familie rausgeholt wurde, mit Betten überm Arm. Mein Vater wollte schimpfen, aber ein Mann blieb stehen und sagte, er solle lieber still sein.“

Ohne Kommentar!

Hartmut Dold

unter Verwendung des Buchs:  „Grenzgänger.Wunderheiler.Pflastersteine.Die Geschichte der Gleimstraße in Berlin“, erschienen im BasisDruck Verlag GmbH 1998, ISBN 3-86163-091-5. Seiten 410 ff.

Please follow and like us:
Das Gleimviertel – Chronik einer Vertreibung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.