Mauerpark Baufeld Nord – historische Hintergründe

1873 hat Emile Zola seinen Roman „der Bauch von Paris“ geschrieben. Dort schildert er in bisher unerreichter naturalistischer Manier das Leben und Treiben in den Pariser Markthallen um 1850.

Einen kleineren Bauch gab es auch 90 Jahre später in der Gleimstraße 62 bis zum Kriegsende. 1940 hatte die SS größere Teile des Gewerbegebietes um den Nordbahnhof an sich gerissen, um dort suksessive eines ihrer beiden Hauptwirtschaftlager in Berlin zu errichten. Gelagert wurden vor allem Lebensmittel, Kleidung, Getränke, eventuell auch Munition und Waffen. Letzteres kann nicht verifiziert werden, weil die SS zu Kriegsende die Unterlagen vernichtet hat.

Versorgt wurden vor allem die SS-Divisionen im Osten über den Eisenbahnanschluß. In den letzten Kriegsjahren waren zunehmend KZ- Häftlinge für die notwendigen Arbeiten eingesetzt. Sie kamen aus dem Außenlager Lichterfelde und wurden täglich angeliefert.

Das Lager erstreckte sich nicht nur zu ebener Erde, sonder auch unterirdisch, teilweise über Fahrstuhlaufzüge. Eine unmittelbare Anbindung an die Bahn war gegeben.

Vermutet wird auch eine Deportation Berliner Juden vom Nordbahnhof.

Die Reichsbahn lies sich den Transport mit 2 Pfennig  je Person und Kilometer vergüten. Das entsprach der Häfte des 3.Klasse Tarifs. Es gab Rabatt wegen der Sammeltransporte. Bezahlt wurde entweder durch die Deportierten selber oder durch das RSHA.

Ein ekelhaft gewinnbringendes Geschäft! Die Reichsbahn – Hitlers willfähriger Helfer und Geschäftspartner. Bisher wissenschaftlich leider wenig untersucht und dokumentiert.

Am 23. April 1945 hat die SS ihr Lager in Brandt gesteckt, um es nicht der heranrückenden Roten Armee zu überlassen. Es kam zu einem Sturm der hungernden Bevölkerung auf das Hauptwirtschaftslager. Die Anwohner versuchten herauszuholen was noch ging. Der örtliche Befehlshaber der Roten Armee bewertete die ungewöhnlichen Aktivitäten als Bedrohung und befahl, das Gebiet mit Haubitzen zu beschießen. Viele Zivilisten kamen ums Leben.

Die Gleimstraße 62 ist die Hausnummer an der der Entreeplatz für die Auffahrt zum neuen Wohngebiet im Mauerpark westlich des Geimtunnels errichtet werden soll. Das zukünftige Baufeld schließt Teile des ehemaligen HWL mit ein.

Mal abgesehen von möglichen Altlasten. Wäre nicht eine Gedenktafel mit Hinweisen zur Geschichte angebracht?

unter Verwendung eines Artikels von J.Rechenberg im Buch „Grenzgänger.Wunderheiler.Pflastersteine.Die Geschichte der Gleimstraße in Berlin“, erschienen im BasisDruck Verlag GmbH 1998, ISBN 3-86163-091-5. Seiten 273 ff.

Hartmut Dold

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Der Bauch der SS – Gleimstraße 62
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