Die Parabel vom Herrn und Knecht – in Geschichte und Gegenwart

Die Parabel vom „Herrn und Knecht“ hat Hegel erstmalig in seinem 1807 erschienene Buch „Phänomenologie des Geistes“ entwickelt. Da donnerten gerade die Kanonen bei der Doppelschlacht von Jena/Auerstedt, in der Napoleon den Preussischen Staat vernichtete.

Ob sich Hegel von Napoleon, dem Demiurgen oder Verräter der „Großen Französischen Revolution“ von 1789 inspirieren lies, darf eher bezweifelt werden. Braucht doch ein Manuskript bis zu seinem Druck und seiner Veröffentlichung seine Zeit. Aber die historischen Enwicklungen haben Hegels Prämissen und Antworten irgendwie schon vorweggenommen oder bestätigt.

Bei Hegel eher idealistisch und dialektisch begründet, hat sie Karl Marx zum Eckpfeiler seiner Gesellschaftslehre und Geschichtstheorie, dem dialektischen und historischen  Materialismus gemacht.

Worum geht es?

Bei Hegel steht die subjektive Dialektik im Vordergrund. Der Herr hat seinen Sklaven und kann mit ihm machen was er will. Der Knecht bedient ihn und erfüllt seine Wünsche. Dabei ist er aktiv und muß auch kreativ sein. Er setzt sich mit der Umwelt zunehmend auseinander und muß Probleme lösen. Dadurch entwickelt er immer mehr Selbstbewußsein während sich der Herr genüßlich zurücklehnt, dass Leben genießt und auf seine Machtposition vertraut. Indem der Knecht erstarkt wird der Herr schwach. Dann kehren sich die Verhältnisse um.

Karl Marx hat den „Herrn“ „Produktionsverhältnisse“ genannt und für den „Knecht“ den Begriff „Produktivkräfte“ eingeführt. Ersteres steht für Evolution, letzteres für Revolution. Und er war der Überzeugung, dass die Arbeiterklasse, gefürt von einer gut organisierten Partei, das Verhältniss von Herr und Knecht durch einen revolutionären Akt umkehren und auf eine höhere Stufe stellen würde.

Seit dem ist viel Geschichte ins Land gegangen. Die Arbeiterklasse hat sich als nicht so homogen und monolithisch erwiesen, wie prognostiziert. Aus den Revolutionen sind totalitäre Staaten entstanden wie die Sowjetunion, das 3. Reich und die DDR. Auch schon wieder Staub der Geschichte aber mit vielen Nebenwirkungen und Rauchfäden.

Warum wir das alles erwähnen?

Weil alles, verläßt man mal das mediale Rauschen der Gegenwart, besinnt sich und schaut in die Geschichte, und über den gegenwärtigen Tellerrand hinaus, zu Parallelen in der Gegenwart führt.

War nicht „der Herr“ in den Staaten des arabischen Frühlings, der nationale Diktator? Satt und träge geworden und nur am Eigenwohl interessiert. Ben Ali in Tunesien, Gadaffi in Libyen, Mubarak in Ägypten, Ali Salih im Jemen. Sie wurden von Volksrevolutionen hinweggefegt.

Die Geschichte von Assad in Syrien  ist noch offen. Ist sie das wirklich?

Was war die Ursache?

Jetzt kommen wir zu den „Produktivkräften“, dem „Knecht“.

Technischer Fortschritt und digitale Revolution, Bevölkerungsexplosion, Internet und Vernetzung. Der „Knecht“ ist dynamisch, jung und kreativ. Zumeist auch arbeitslos, perspektivlos und wütend über seine elende Lage. Er ist gebildet und fühlt sich dem „Herrn“ intellektuell und moralisch überlegen.

Revolutionen erfordern eine bestimmte politische oder gesellschaftliche Gemengelage. Indikatoren sind: Krieg und Kriegsfolgen, Verelendung breiter Bevölkerungsschichten und Hunger, berufliche Perspektivlosigkeit der Jugend, staatliche Unterdrückung und Repression.(Spitzelsystem, Polizeigewalt, gleichgeschaltetete Justiz, Notverordnungen), nationale und ideologische Herabwürdigung.

Das alles ist gegeben.

Auf jede Revolution erfolgt eine Konterrevolution

Die alten Machtstrukturen sind gut vernetzt. Die Oberschicht läßt sich nicht kampflos ihre Privilegien nehmen. Sie stehen auf mehreren Beinen. Clan, Geld, Militär und Ideologie. Bisher haben sie gesiegt. Aber das wird nicht so bleiben.

Ägypten hat in nur 20 Jahren seine Bevölkerung von 40 auf 80 Mio verdoppelt, eine mehrheitlich junge Bevölkerung. Das sind die „Knechte“. Sie werden sich ihrer „Herren“ entledigen, egal ob es das Militär oder die Muslimbrüder sind. Das wird seine Zeit brauchen und nicht Heut und Morgen zu erledigen sein. Aber ihre Zeit wird kommen.

Hegel hat recht und Marx auch! Die Geschichte wird den Beweis antreten.

Und was heißt das für Deutschland?

Eine vergleichbare Situation ist gegenwärtig nicht erkennbar. Aber die Schere zwischen Arm und Reich wird größer und der Mittelstand bröckelt. Deutschland partizipiert von seiner Dominanz im Euroraum, von seiner Exportindustrie und Effizienz. Und von der Herabsetzung seiner Sozial-und Arbeitststandards.

Die Zeche bezahlen die Südländer mit hohen Arbeitslosenzahlen, besonders bei Jugendlichen. Die Wut ist dort greifbar.

Wenn der deutsche Kleinbürger wütend wird, wie nach der Hyperinflation 1922 und der Weltwirtschaftskrise 1929-32 wird er zum „Knecht“.

Es gab schon mal eine Situation, wo eine Partei eine Wirtschaftskrise und den „Knecht“ nutzte, um mit Hilfe nationaler Parolen und durch Unterstützung konservativer Parteien und Teilen der Wirtschaft die Macht übernommen hat.

Die Folgen sind bekannt!

Stellen wir eine Bezug zum Gleimviertel her

Welche Bezug? Es gibt es keinen direkten oder offensichlichen, oder? Aber es war schön, mal darüber gebloggt zu haben.

Hartmut Dold

Please follow and like us:
Die Parabel vom Herrn und Knecht – ein aktueller Beitrag in Kurzform
Markiert in:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.