Die Kopenhagener Straße IX –  Kultur, Kunst und Kommerz

… Gut, dass die Amtsrichter nichts von einer Studie wußten, die Geografen der Humboldt-Universität 2007 erstellt hatten.

Foto HD

„Räumlicher und funktionaler Cluster“ – so nennt man eine soziologische Untersuchung einer Straße nach bestimmten Kriterien: „In der Kopenhagener Straße ist es zu einer Ballung von Kulturschaffenden gekommen. Wer den ab Rhinower Straße eher ruhigen Teil der Straße in Prenzlauer Berg durchschreitet, begegnet einer Fülle von Illustratoren- und Architekturbüros, Film- und Tonstudios, Grafikdesignern und Galerien. Auch eine Maßschneiderei und ein kleines Theater drängeln sich auf dem kurzen Stück zwischen Sonnenburger und Rhinower Straße“.

Dazu kommt noch das „Haus der Sinne“ am Ende der Ystader Straße mit vielfältigen Angeboten und das REH, die mobile Raumerweiterungshalle gegenüber der „Kohlenquelle“, die in unregelmäßigen Abständen immer wieder für überraschende Kunstprojektionen gut ist.

In den Wohnungen über den Büros wohnen Schauspieler, Autoren und Maler. – 45 Kulturschaffende zählen die Autoren der Studie. Das dürften heute eher mehr sein.

Richtung Schönhauser Alle wird es dann etwas belebter. Der Autoverkehr nimmt zu, Kopfsteinpfaster bleibt. Ab dem Kinderspielplatz Ecke Rhinower Straße gibt es das übliche Angebot; Restaurants, Asialaden, zwei vietnamesischen Blumenläden nebst Änderungschneiderei, Fahrradladen, Copyshop und das kleine Einkaufszentrum Schönhauser Alle-Karree mit unvermeidlichem Discounter und Telefonshop, Frisör, Nagelstudio, Backshop, Haushaltsgeräte-und Elektronikanbieter etc..

Die LINKE ist mit einer großen Bürofront vertreten und hat weiter oben das Diskussionsforum „Helle Panke“.

Foto HD

Zwischen Schönhauser Alle und Ystader Straße sind fast alle Gebäude einschließlich ihrer Fassaden saniert. Die Häuser Kopenhagener Straße 71-78 stehen wegen ihrer Jugenstilfassade unter Denkmalschutz. Im hinteren, Richtung Mauerpark gelegenen Teil, sind noch einige Häuserfronten unsaniert. Aber man ist fleißig am Werk und baut wie überall im Prenzlauer Berg Dachgeschosse zu Wohnungen aus, Mietpreiserhöhung einbegriffen.

Für den Kreativ-Boom in der Kopenhagener Straße sahen die Geographen  einen konkreten Auslöser: Steven Otto. Der gebürtige Kanadier  kaufte im Jahr 2000 mit Investoren die Häuser Nummer 14, 15 und 16. In eine der Wohnungen zog er selbst. Die anderen vermietet er am liebsten an Künstler, die es mit ihren unregelmäßigen Einkommen oft schwer haben, als Mieter akzeptiert zu werden. Deshalb gilt Otto, der 1995 nach Deutschland kam und hauptberuflich als Vermögensverwalter arbeitet, bei einigen als so etwas wie der inoffizielle Kunstmäzen des Kiezes.

Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde ein Großteil der Häuser saniert, jedoch behielt die Kopfsteinpflasterstraße weiter ihre ruhige Lage. Deswegen wurde die Kopenhagener Straße als Drehort für mehrere DDR-Nostalgie-Filme gewählt, unter anderem für die Filme „Das Leben ist eine Baustelle“, „Der Rote Kakadu“, „Sommer vorm Balkon“, „Männerherzen“ sowie für die Fernsehserie „Weissensee“. Bereits 1979 war in der Kopenhagener Straße 13 mit Solo Sunny einer der bekanntesten DEFA-Filme gedreht worden.

Etwa die Hälfte der Anwohner wohnte schon vor der Wende in der Straße oder anderswo in Ost-Berlin. Außer bildenden Künstlern sind zahlreiche Schauspieler, Schriftsteller und Architekten in der Straße ansässig oder tätig. Hinzugezogen sind vor allem Westdeutsche und europäische Ausländer.

… Gut, dass die Amtsrichter auch ein bedeutendes Industriebaudenkmal übersehen haben, das Humboldt-Umspannwerk, erbaut 1920 nach den Plänen des bedeutenden Architekten Hans Heinrich Müller.

Foto HD

1993 ging es außer Betrieb und wurde für verschiedene Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt, so war hier u.a. auch die Berliner Außenstelle des Vitra Design Museums unterbracht.

Seit 2006 stand es leer. 2007 kaufte der kanadische Investor Michael Tippin das Umspannwerk von Vattenfall.

Eigentlich sollte es nach Sanierung einer vielfältigen Nutzungen zugeführt werden. Gastronomie, Clubs und Bars, Austellungs- und Veranstaltungsräume und Büro-Lofts sollen entstehen . Jetzt wird es aber beherrscht  vor allem von einem Nutzer: „Zalando“, der sich hinter den festungsartigen Mauern des Backsteingebäudes im Stile einer Ordensritterburg  mit Wachschutz verschanzt.

Aber auch das wird bald Geschichte sein, wenn Zalando nach Friedrichshain in die Gebäude der ehemaligen „Knorr-Bremse“ umzieht und die jetzt dort beheimate Fachhochschule und andere Mieter rausschmeißt. Vielleicht wird es dann auch ein wenig ruhiger in der Kopenhagener Straße, denn die vielen jungen Leute, die heute bei Zalando arbeiten, sind dann nicht mehr da.

… Gut auch, dass die Amtsrichter nicht weiter draufgeschaut haben, dass am Ende der Kopenhagener Straße der Mauerpark liegt. Der kann sich über mangelnde Touristenströme bestimmt nicht beklagen. Allerdings ist davon der nördliche Teil an der Kopenhagener/Schwedter Straße weniger betroffen. Familien mit ihren Kindern bestimmen hier das Bild rund um den Moritzhof und Kletterfelsen. Hoffentlich bleibt das so!

weiter

Hartmut Dold

Please follow and like us:
Die Kopenhagener Straße IX – Mietspiegel, Kultur und Kunst

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.