Häuserkampf in der Kopenhagener Straße

Vergangenheit

Das Gleimviertel und damit auch die Kopenhagener Straße gehörten zum dritten, inneren Verteidigungsring in der Schlacht um Berlin 1945.

Am 22.April überwanden die Soldaten der Roten Armee die Gleise des S-Bahnrings und drangen zu Fuß und mit Panzern in die Kopenhagener Straße ein. Ihnen schlug zunächst nur sporadischer Widerstand von verstreut in den Häusern liegenden deutschen Soldaten entgegen.

In Höhe von Haus 37 hatten sie eine Barrikade errichtet, die von einem leichten Panzer und 7 Mann Besatzung verteidigt wurde. Insgesamt lagen 20 Wehrmachtssoldaten in den anliegenden Häusern zur Verteidigung bereit.

Die Russen machten kurzen Prozess und legten unter Zuhilfenahme einer Pak und eines schweren russischen Panzers die Barrikade um. Die Verteidiger flohen über die Schwedter Straße und durch den Gleimtunnel.

Für die Bewohner des Gleimviertels beginnt nun ein 10-tägiges Ringen. Es kommt zu vielen Toten in der Zivilbevölkerung.

Die sowjetischen Soldaten dringen über die Sonnenburger und Ystader Straße vor und besetzen die Schule in der Sonnenburger Str. und das Gymnasium in der Gleimstraße 50.

Am 23. April steckt die SS ihr Hauptwirtschaftslager in der Gleimstraße 62 in Brandt. Die Bevölkerung versucht unter Lebensgefahr rauszuholen, was zu retten ist. Es herrscht Hunger und Wassermangel. Der Bäcker in der Gleimstraße 55 mußte das Backen einstellen weil Mehl und Wasser fehlten. Bei einem anderen Bäcker bekam man nur Brot, wenn man einem Eimer Wasser mitbrachte. Am Falkplatz wurden mehre Leute beim Schlagestehen bei Bäcker Höhne durch ein russisches Artilleriegeschoss tötlich verletzt.

Am 24.April wird das Umspannwerk in der Kopenhagener Str. von russischen Truppen besetzt.
Es kann zwar nicht zurückerobert werden, doch deutsche Soldaten dringen, von SS unterstützt, wieder in die Kopenhagener vor. Die vereinzelt hängenden weißen Flaggen mußten unter Androhung von standrechlichen Erschießungen  entfernt werden.

Der Kampf findet auf den Straßen, in den Häusern und auf den Dächern statt. Die Bewohner leben seit Tagen in den Kellern. Neben  russischen und deutschen Soldaten, verlieren auch viele Anwohner durch Artillerie oder Bombentreffer ihr Leben.

Die Straßen des Gleimviertels werden verwüstet. Das Haus Gleimstraße 14 wird von der SS in Brand gesteckt und die Häuser 65-71, 1-3 und 7 zerstört; das Eckhaus Gleimstraße 50/Ystader Straße 17 von der Roten  Armee, da dort ein Blutordensträger wohnte, der an seinem Balkon ein goldenes Hakenkreuz angebracht hatte. Das Haus Gleimstrasse Nr 16 bekommt 5 Volltreffer , und die Nr. 45 wird durch eine deutsche Panzerfaust in Brand gechossen, die einem russischen Panzer galt.

Am 30.April kam es zu den letzten deutschen Gefechtshandlungen, die allesamt scheiterten.
Die SS zieht sich durch den Gleimtunnel zurück, die restlichen Soldaten der Wehrmacht und der Volksturm sollen sich auf der Schönhauser Alle sammeln und Richtung Norden ausbrechen. Der Versuch scheitert. Am 2. Mai gibt der Stadtkommandant General Weitling den Befehl zur Kapitulation. Das Morden geht zu Ende.

Gegenwart

Häuserkampf in der Kopenhagener Straße gibt es auch in der Gegenwart. Er wird nicht mehr zwischen Russen und Deutschen im Rahmen eines Weltkriegs geführt, sondern von Vermietern, auch „Investoren“ genannt, gegen die alteingesessenen Anwohner.

Tote gibt es bisher noch nicht, Opfer schon. So wird berichtet, dass die die Katze von Inge Bergk, 78 Jahre alt und seit 53 Jahren wohnhaft, (natürlich nicht die Katze), in mehr oder weniger Regelmäßigkeit mit sichtlichem Stolz getötete Ratten vor ihrem Bett ablegte. An einem Morgen waren es tatsächlich 12 Stück, fein säuberlich aufgereiht. Auch Katze „Mulli“, mit 15 Jahren auch nicht mehr die Jüngste aber ein richtiger Tiger, ist ein Held.

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Die Rede ist von dem Haus Kopenhagener Straße 67, wo ein „Investor“ seit über einem Jahr sein Unwesen treibt.

Im Gegensatz zum Haus Gleimstraße 52, wo das Bezirksamt inzwischen dem munteren Mietervertreiben Einhalt geboten hat, steht es in besagtem Haus in der Kopenhagener Straße 67 „Spitz auf Knopf“.

Bis auf fünf Mieter sind bereits alle vergrault, bald sind es nur noch vier.

Die Methoden sind infam. Da wird im Winter schon mal die Heizanlage für mehrere Wochen abgestellt, oder ein größeres Stück Gasrohr entfernt, so dass Gas auströmt und die Katastrophe nur in letzter Minute verhindert werden kann. Dann werden illegale Mieter eingeladen, die das Haus vermüllen, randalieren und beklauen.

Einer der letzten Mieter ist Michael Ebert, der die Gasexplosion durch besonnenes Handeln verhindern konnte. Ihm wurde angeboten seine Wohnung zu behalten, allerdings zum doppelten Mietpreis. Auch mit Frau Bergk ist eine „Sanierungsvereinbarung“ geschlossen worden, die unter dem Strich lediglich die Miete erhöht.

Aber wer hält es in so einem Haus noch aus !

Frau Bergk, die taffe Rentnerin, Obermeisterin und langjährige Inhaberin eines bekannten Modesalons hat Angst, will sich aber nicht rausekeln lassen, da sie Pflegestufe 1 hat und ihre Ärzte fußläufig erreichbar sind. Solch einen Nachbarn wie Herrn Ebert, der für sie einkaufen geht, bekommt sie sowieso nicht wieder. Einmal hat sie schon gekämpft und dafür gesorgt, dass die Mauergrundstücke, die sich der Staat nach der Wende einverleiben wollte, an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben werden mußten.

Herr Ebert ist ein Kämpfer, er ist als Offizier zu See gefahren und hat später studiert. Er wird sich nicht einschüchtern lassen. Lächerliche Abfindungen, die ihm bisher mündlich angeboten wurden, interessieren ihn nicht. Auf die Frage was kommt als nächstes antwortet er: „Schlägertrupps, Brandbeschleuniger“ – ich rechne mit allem!

Frau Senoner, von der Mieterberatung Prenzlauerberg, eigentlich wegen der Zustände um die Gleimstraße 52 angesprochen, reagierte sarkastisch. Ihr Kommentar war: „das ist doch gar nichts gegenüber dem was in der Kopenhagener 67 passiert“.

Der Bürgerverein Gleimviertel e.V. stellt in diesem Jahr zunehmenden Bedarf an Mieterberatung und Mieterversammlungen fest. Dafür stellen wir unsere Räumlichkeiten gern zur Verfügung.

P.S.
Natürlich ist die Situation von 1945 und heute nicht gleichsetzbar.
Das wäre historisch, politisch und ethisch nicht korrekt.
Zu Beanstanden sind  jedoch die Denkweisen, die hinter solchen Aktionen stehen.
Mit dem Grundgesetz sind sie in jedem Fall nicht vereinbar. Trotzdem finden sie statt!
Nach einem freien Zitat von Maxim Gorki kann man einem Menschen mit einer Wohnung erschlagen wie mit einer Axt! Dem ist wenig hinzuzufügen.

*unter Verwendung des Buches: „Grenzgänger.Wunderheiler.Pflastersteine.“ BasisDruckverlag GmbH 1998, ISBN 3-86163-091-5 und eines Artikels von T.Trappe,  „Prenzlauerberg Nachrichten“ vom 26.6.2012

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Hartmut Dold

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Die Kopenhagener Straße V
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Ein Gedanke zu „Die Kopenhagener Straße V

  • 31. Dezember 2013 um 23:48
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