Abriss und Neubau des Jahn-Stadions ohne Bebauungsplan

Im Mai teilte der auch für Sport zuständig Innensenator Geisel (SPD) , im Sportausschuss des Abgeordnetenhaues mit, dass im kommenden Jahr das Jahn-Stadion abgerissen werde und dann innerhalb von 2 Jahren eines modernes Stadion an gleicher Stelle errichtet würde, so dass im Jahre 2023 dort auch Wettbewerbe der Special Olympics ausgetragen werden könnten. Diese Mitteilung löste bei mir als Abgeordneter, Anwohner und Mitglied des Bürgervereins Gleimviertel viele Fragen aus. Die Antworten des Senats (HIER nachlesbar) haben meine Befürchtungen bestätigt.

Der Senat meint tatsächlich den Neubau dieser Großveranstaltungsstätte ohne einen Bebauungsplan, also ohne eine formelle Beteiligung der Träger öffentlicher Belange und der Bürgerschaft durchführen zu können. Warum? Weil man ja ein Stadion für 20.000 Zuschauer abreiße und der Ersatzbau die gleiche Zuschauerkapazität haben werde. Dass dies ein völlig anderes Stadion mit anderer Nutzungsqualität und –intensität, mit anderen Qualitäten der Erschließungssysteme für den Sportler-, Zuschauer- und technischen Versorgungsverkehr sein wird, ist ein Grund für einen B-Planerfordernis. Hinzukommt, dass darüber hinaus der Mauerpark erweitert (B-Plan 3-64) und der Bestands-Mauerpark unter Einschluss des Falkplatzes und der Grünflächen an Gaudy- und Topsstraße saniert wird. Zu letzterem wurde in Bürgerwerkstätten die Öffentlichkeit beteiligt und zu der Lärmproblematik gab es einen Runden Tisch. Es ist zwingend erforderlich die drei Großveranstaltungsstätten Mauerpark, Max-Schmeling-Halle und Jahn-Stadion zusammen zu denken und integriert zu planen. Außerdem soll ja noch der ganze übrige Teil des Jahnsportpark umgebaut und mit einem mehrgeschossigem Parkhaus und neuen zusätzlichen Sportanlagen, u.a. einem 9-geschossigen „Leuchturmgebäude“ (ca. 30 m hoch) mit zwei 3-Feldersporthallen, Räumen für Gymnastik, Seminare und Verwaltung, ausgestattet werden. Dafür, so Geisel, würde es dann ein ordentliches Bebauungsplanverfahren geben. Absurd!

 

Olympisches Déjà vu

Geisel und die Senatssportverwaltung machen letztlich kein Geheimnis aus den Gründen für dieses absurde Vorgehen. Sie gehen davon aus, dass ein B-Planverfahren mit zeitaufwendigen Beteiligungsverfahren, ihr Ziel, 2023 das Stadion für die Special Olympis zur Verfügung zu haben, gefährden könnte. Welch ein déjà vu für das Gleimviertel! Vor gut 25 Jahren wurde die Max-Schmeling-Halle (Kapazität 10.000 Zuschauer) ohne Bebauungsplan mitten in das Gleimviertel abgesetzt. Die absurde Begründung seinerzeit: Fügt sich ein, war ja schon eine Sportstätte. – Da waren zwei wenig genutzte Tennisplätze.

Dort fügte sich die Max-Schmeling-Halle ein. vor Baubeginn | Bäume schon abgeholzt.

Der wirkliche Grund war, dass man der Olympiabewerbung Berlins für Olympia 2000 durch Tatsachen-Schaffen mehr Durchschlagskraft verleihen wollte. Das Ergebnis ist bekannt: Berlins Bewerbung geriet zur Blamage, die MSH wurde ohne ein Verkehrskonzept errichtet und das Gleimviertel geht bis heute regelmäßig in Blechlawinen des Veranstaltungsverkehr unter. Keiner der damlas versprochene Begleitmaßnahmen wurden durchgeführt bzw. nach kurzer Zeit wieder eingestellt.
Jetzt droht alles viel schlimmer zu werden: die MSH ist immer noch da, das neue Stadion, der aufgerüsteter Sportpark und der vergrößerte und sanierte Mauerpark werden viel mehr Nutzerverkehr erzeugen.

Bezirk fordert mehr Mitsprache

Senator Geisel behauptet, dass alles mit dem Bezirk abgestimmt sei. In der Presse rückt allerdings BzStR Kuhn von dieser Darstellung ab und erklärt ein B-Plan für erforderlich. Halbwertzeit? Bei seinem Sommerspaziergang durch das Jahn-Stadion in Begleitung von Staatssekretär Dzembritzki verbindet Klaus Mindrup (SPD, MdB) seine Freude, dass es nun auch eine Bürgerinformation (Beteiligung ist etwas anderes) geben werde, mit der zuwiderlaufenden Erwartung, dass das Vorhaben noch beschleunigt werden könne. In der BVV gibt es nun einen Antrag der Linksfraktion in dem gefordert wird den Bezirk (BA und BVV) zukünftig an der weiteren Entwicklung der Planung zu beteiligen.

 

Masterplan aus 2015 passé

Ganz offensichtlich müssen die Anwohner sich angesichts dieses planlosen Politik- und Verwaltungshandeln wieder zu Wort melden. Es sei daran erinnert, dass bereits im Jahre 2013 das Abgeordnetenhaus beschlossen hatte: „Der Senat wird aufgefordert, ein Nutzungs- und Entwicklungskonzept für den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark zu erarbeiten. Bei der Erarbeitung des Gesamtkonzepts müssen die Finanzierung, Nutzungsziele und –kriterien mit dem Bezirk Pankow und den Sportvereinen, die bislang die Sportanlagen auf dem Gelände nutzen sowie mögliche zukünftige Nutzer(innen) mit ihren jeweiligen Vorstellungen einbezogen werden.“ Die Machbarkeitsstudie, auf der die Umbauplanungen beruhen, liegt bereits seit Ende 2014 vor. Es gab dazu eine öffentliche Informationsveranstaltung im Januar 2015. Wir haben an dieser Stelle darüber berichtet und die Machbarkeitsstudie vorgestellt. (http://www.gleimviertel.de/archives/24848 ).

Und jetzt 5 Jahre später soll es wirklich losgehen. Für den kommenden Landeshaushalt sollen die ersten 10 Millionen für den Abriß eingestellt werden. Am 7. Juni 2019 tagte der Sportausschuss des Abgeordnetenhauses vor Ort im Jahnstadion. Den Fragen der Abgeordneten stellte sich nicht nur der Sportstaatssekretär Aleksander Dzembritzki (SPD) sondern auch ein Vertreter der Bauverwaltung und Vertreter der Sportvereine und –verbände. Von dieser Sitzung gibt es ein sehr aufschlussreiches Wortprotokoll. Das man lesen sollte. HIER

Es offenbaren sich divergierende Interessen und Ziele. Die Machbarkeitsstudie von 2015 wird von mehreren Seiten als überholt deklariert. Der Topf ist aufgemacht und alle wollen diese Gelegenheit nicht verpassen. ALBA möchte eine neue Sporthalle mit 2000 Zuschauerplätzen und das Vereinszentrum in den Jahnsportpark verlegen. Dem widersprach im Ausschuss niemand. Das hätte m.E. aber so große Veränderung zur Folge, dass damit einen isolierten Stadionneubau endgültig unmöglich wird. Aber auch SV Empor und der Behindertersportverband meldeten neue Bedarfe im Jahnsportpark an.

Vereinslose Freizeitsportler ohne Stimme?

Und wer vertritt die Interessen der unorganisierten Freizeitsportler, die zu vielen hunderten täglich die Anlagen im Sportpark nutzen? Die Gefahr, das diese mal wieder auf der Strecke bleiben ist groß. Es sei an die Zeit der Sanierung des Kleinen Stadions an der Cantianstraße vor 15 Jahren erinnert. Damals wurden die Freizeitläufer ausgesperrt. Nach Verhandlungen unserer Läuferinitiative  „LI Frei Lauf“ mit der Stadionverwaltung kam es durch die Unterstützung der Bezirksstadträtin Keil  zu einer Einigung und die Läufer durften die Laufbahn wieder nutzen. In der Machbarkeitsstudie wurde die Bedeutung des Sportparks für den individuellen, vereinsungebundene Freizeitsport hervorgehoben. Wenn jetzt, angefangen mit ALBA, alle Nutzer mehr wollen, wo bleibt dann der vereinsungebundene Freizeitsport?

Wir brauchen jetzt endlich eine offene transparente Gesamtplanung der Zukunft des Jahn-Sport-Parks auch unter Einbeziehung der Anwohnerschaft und der vereinslosen Sportler, die die Sportanlagen spontan und eigenständig nutzen. Es ist zu hoffen, dass Politik und Verwaltung angesichts dessen, diesmal darauf verzichten, den dummen NYMBY-Popanz zur Ablenkung vom eigenen Versagen aufzublasen. Es gab alle Zeit der Welt, diese Planung mit den Bürger gemeinsam zu entwickeln. Die zwingend erforderlich Bürgerbeteiligung ist nicht dafür verantwortlich, wenn der Stadion-Neubau im Jahre 2023 nicht in Betrieb gehen kann. Das haben die für den Sport verantwortlichen Politiker ganz alleine zu verantworten.

Macht mit

Der Bürgerverein Gleimviertel wird sich in die Debatte um Planung, Bauablauf und zukünftige Nutzung einbringen. Dazu brauchen wir allerdings Eure Mitwirkung, liebe interessierte Nachbarn. Wir wollen eine Einwohnerversammlung organisieren und dazu die Verantwortlichen aus dem Senat von Berlin und dem Bezirksamt Pankow, sowie die Sportvereine einladen. Sprecher für die unorganisierten Freizeitsportler wären auch nicht schlecht. Aber Unorganisierte einzuladen ist schwer. Freizeitsportler, die ihre Interessen in die Debatte einbringen wollen, können sich beim Bürgerverein melden. Wir unterstützen die Selbstorganisation der vereinsungebundene Freizeitsport des Jahnsportparks.

cant 09.08.2019


Wir brauchen zur Bearbeitung dieses Thema Unterstützung. Wer mitmachen will, meldet sich bitte beim Bürgerverein: email hidden; JavaScript is required


 

 

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Planlos – im Gleimviertel