Bewohner der Groth-Wohnanlage fordern freien Zugang zum Mauerpark und zur Trendgastro.

Eine tief erschütternde Gruselstory im Hauptstadt-Sommerloch: Neuer Stacheldraht bewährter Grenzzaun zwischen Prenzlauer Berg und Wedding. Die Teilung Berlins is back. Ein Beweisfoto gab es auch.

 

Ortskundige & Mauerparknutzer wundern sich. Wo ist denn an dem langen Zaun, der die Wohnanlage der Groth-Gruppe vom Mauerpark im Bereich der Jugendfarm „Moritzhof“ trennt Stacheldraht? Und wieso sei hier eine undurchlässige Grenze wie zu Mauer-Zeiten?

 

Ok, geschenkt, dass diese Parallele von grenzenloser Unkenntnis über die Grenzanlagen und ihren bewegten Verlauf geprägt ist. Aber dieser undurchdringliche neue „Grenz-Zaun“ hat doch zwei viel genutzte Durchgänge. Gut der eine wirkt provisorisch und der andere ist ein ausgebautes Tor, das man ja wieder einsetzen könnte. Seinerzeit ging es durch das gut bewachte und meist verschlossene Tor vom Mauerpark zum Showroom für die Vermarktung der Eigentumswohnanlage.

Den Zugang zur Vermarktungslounge von der öffentlichen Grünfläche hatte der Groth-Gruppe der damalige Pankower Baustadtrat Kirchner (B90/Grüne) genehmigt. Der Zaun und das geschlossene bzw. streng bewachte Tor war sicher nicht die Auflage des BA Pankow. Diesen stabilen anti-egalitären Schutzwall hat der Investor der Wohnanlage errichtet, weil er Attacken aus dem Osten gegen sein weithin abgelehntes Bauvorhaben befürchtet.

Der Mauerpark und der Grünzug bis zum Nordkreuz und zum Humboldthain waren nach dem Mauerfall von einer breiten Bürgerbewegung erstritten und über zwei Jahrzehnt gegen wiederholte Bau-Vermarktungsideen verteidigt worden. Bis zum „Mauerpark-Deal“ im Jahre 2012, mit dem sich der Senat, der Bezirk Mitte und die CA Immo AG (mit der Groth-Gruppe im Hintergrund) sehr hemdsärmelig über den Bürgerwillen ignorant hinwegsetzten.

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Und der Stacheldraht? Den gibt es am anti-egalitären Schutzwall zum Mauerpark nicht. Aber auf einem Stück Zaun, der den südlichen Wohnblock zum Betondeckel auf dem Gleimtunnel absperrt, ist er an einer Stelle tatsächlich sichtbar, weil noch nicht von Kletterpflanzen überrankt. Die hat der Eigentümer der Wohnanlage gepflanzt. Wenn es zutrifft, dass dieses Stück Zaun am Gleimtunnel der DB gehört, dann wäre das ja illegal. Oder hat die DB es etwa genehmigt?

Bei all ihrem Rechercheaufwand hat die Hauptstadtqualitätspresse übersehen, dass der Deckel auf dem Gleimtunnel nach allen Seiten mit Zäunen gesichert ist, auch gegenüber dem Mauerpark nach Süden und Osten. Und wer dem Übergang über den Gleimtunnel im freien Osten passiert, bekommt eine Art Löwenfeeling auf dem Weg zur Manage.

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Der Anlass für diese markerschütternde Sommerlochstory war eine Online-Petition eines Bewohners der Groth-Wohnanlage unter dem Titel „Zaunöffnung – keine Gated Community im Wedding“. Das beigefügte Bild zeigte den Zaun ohne Stacheldraht. Die Unterschriftensammlung startete am 6. Februar 2019 und wurde am 6.Mai beendet. 300 Unterstützer sind der Petition in diesen drei Monaten beigetreten. Der Journalist der Morgenpost meinte offenbar, der etwas abgelagerten und bislang unbeachteten Geschichte mehr Empörungsdrive geben zu sollen und packte deshalb den Stacheldraht drauf. Auf die Frontstadt-MoPo ist verlass.

  zum Text der Online-Petition

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Schnee von Gestern. Das städtebauliche Verbrechen der Errichtung dieser deplatzierten Wohnanlage ist nun mal im privaten Verwertungsinteresse gegen die Interessen des Gemeinwesens durchgedrückt worden. Das ist nicht mehr revidierbar. Gated Communities wollen wir in dieser Stadt nicht haben. Die Durchlässigkeit der Wohnanlage für jedermann ist im öffentlichen Interesse. Somit sind die Tore im anti-egalitären Schutzwall nicht nur im Interesse der Bequemlichkeit der Bewohner der Groth’schen Wohnanlage auf dem Wege zu den Trendlokalen des Gleimviertels oder zum Mauerpark, sondern auch im Interesse der Bewohner des Brunnen- und des Gleimviertels auf ihren Wegen zur Schönhauser Allee oder zum Bahnhof Gesundbrunnen und in die Badstraße.

Mit der Beseitigung des zerstörerischen Betondeckels (1994 als Zwischenlösung aufgebracht) und der Sanierung des Gleimtunnels kann man dann vermutlich auch einen weiteren Übergang für Fußgänger und Radfahrer schaffen. Der Eigentümer der Wohnanlage wird dann sicherlich auch die Kfz-Stellplätze in diesem Bereich abschaffen. In den weitläufigen Tiefgaragen unter der Wohnanlage ist reichlich Platz.

Nichts ist wie  es wa(h)r. Alles wird gut. Die „Springer-Presse“ wacht.

Cant | 23. Juni 2019

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Der neue Grenz-Zaun soll weg! – Ein Sommer-Fake.
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