Das niesen ist zu – es leben das niesen

Wir hatten hier über das drohende Ende und die dann doch überraschend kurzfristige angesetzte Schließung am 16. Oktober, dem 13. Geburtstag des niesen berichtet. Die Abschiedsfeier mit Christine und ihrem Team war schön & traurig, trotzig & wütend. Was der Kiez mit dem niesen verliert, wurde an diesem Abend noch einmal allen schmerzlich bewusst. Und es waren nicht nur alte und neue Bewohner des Geimviertels gekommen, sondern auch Leute aus dem Brunnenviertel, vom Arnimplatz und aus der Oderberger Straße. Es wurde auch immer mal wieder auf Till Lindemann und dessen Geldgier geschimpft, aber mehr noch gespottet: „Till Lindemann – es besteht noch Hoffnung, denn Habgier ist heilbar.“

Es war ein schöner melancholischer Abend und da die Idee rumgeistert, ob man nicht einen Kieztreff in der Kopenhagener einrichten könnte, nicht als Gastronomiebetrieb aber als Kiezstube, war auch ein WIR-machen-weiter-Trotz in der Luft. Trotz Rammstein und alledem.

Ende mit Knall

Als alles vorbei war, da knallte es plötzlich mächtig in den traditionellen und neuen Medien. Die Schließung des niesen wurde zum Skandal hochgeschrieben. Bild, BZ, Berliner, Kurier, Morgenpost, Tagesspiegel und auch die taz – keiner wollte sich die Geschichte vom bösen Rammstein – Frontmann, der das liebenswürdige Kiez-Cafe tötet entgehen lassen. Und als dann noch „die Ex“ von Lindemann, das Modell Sophia Thomalla, meinte auf Instagram dem „armen Till“ noch beistehen zu sollen und dabei wüste Verleumdungen des Niesen und ihre Betreiberin postete, flippte Boulevard endgültig aus.

Betongoldrausch

In den letzten Jahren haben Spekulationsrausch und Profigier der Immobiliendealer sehr vielen alteingesessenen Gewerbebetrieben die Existenz im Prenzlauer Berg genommen, ohne dass die Medien und die breitere Öffentlichkeit davon Notiz genommen haben. Till Lindemann hat als Hauseigentümer noch ein Gesicht. Briekastenfirma mit Sitz in Steueroasen, Fonds mit Sitz in Luxemburg, Geld-Wasch-Salons mit Sitz in London oder auf Zypern haben kein Gesicht, keine Persönlichkeit an der man sich abarbeiten kann. Kein Mitleid mit Till Lindemann, für diese Sauerei ist er voll verantwortlich. Aber wir sollten nicht aus dem Blick verlieren: Die wohlhabenden Einzelhauseigentümer vom Schlage Lindemann und Co sind nicht unser wirkliches Hauptproblem.

Stadtentwicklung ist mittlerweile ein globalisiertes Geschäftsfeld, in das immer mehr Geld fließt. Man trifft immer wieder auf die gleichen Player, die an verschiedensten Stellen der Welt investieren. Ich war diese Woche in Nairobi, da ist ein Projektentwickler aus London mit Investoren aktiv, die wir aus Russland und den USA kennen.“ ….

„Ein Großteil der Preissteigerungen hat nichts mit der realen Nachfrage nach Wohnraum zu tun. Die gibt es, doch der explodierende virtuelle Immobilienmarkt kommt nun als Preistreiber hinzu. Er hat nicht mehr den Stadtbewohner als Mieter und Endverbraucher im Fokus. Sondern Investoren, die ihr Geld anlegen wollen. Die Folgen sind absurd: Man baut komplett am realen Bedarf vorbei und schafft Wohnraum, der im Zweifel gar nicht als Wohnraum gedacht ist, sondern nur als Geldanlageobjekt.“

Der Architekt Markus Appenzeller im Interview mit dem Tagesspiegel, 16.10.2018

 

Cant 24.10.2018

 


Es kursiert ein Aufruf im Kiez: Am Sonntag 18.November um 14.00 Uhr sich vor der Kopenhagener 29 zu versammeln, um einen Verein zur Förderung der Kiezkultur zu bilden.


 

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Ende mit Knalleffekt
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