Ein Beitrag zur deutschen Vereinigung

Die Kalamitäten um den 3. Oktober 2016, dem 26. Jahr der Deutschen Einheit, haben viele Fragen neu gestellt. Woher kommt der Hass gegenüber den Repräsentanten der repräsentativen Demokratie, dem Kanzleramt und dem Amt des Bundespräsidenten aus Teilen der ostdeutschen Bevölkerung zumal die Inhaber der Ämter Ostdeutsche sind?

Die Ausgangslage

Nach dem Ende der DDR am 3. Oktober 1990, aber eigentlich schon mit der Währungsunion am 1. Juli, folgte in den nächsten zwei Jahren das Ende der meisten Betriebe, kulturellen Einrichtungen, Polkliniken, LPGs und, und, und…

Dagegen wurde die staatliche Versicherung, d.h. ihre Kunden der Allianz-Versicherung zugeschanzt und die Forderungen der Staatsbank der DDR gegenüber den kommunalen Wohnungsgenossenschaften an westdeutsche Großbanken übertragen. Selbst wo eigentlich Konkurrenzfähigkeit bestand gab es eigentlich keine Chance. Von den 76 Verlagen in der DDR hat keiner überlebt. Warum?

In den Jahren nach der Wende, ein Euphemismus, der benutzt wird, um die revolutionäre Komponente des Umsturzes umzudeuten, wurden rund 70 % der ostdeutschen Bevölkerung arbeitslos. Die, die Glück hatten, befanden sich in kommunalen Unternehmen, in unteren Rängen der Polizei, der Lehrerschaft oder Verwaltungen. Mediziner und medizinisches Personal, mit Abstrichen auch Kindergärtner und Horterzieher sowie technische Fachkräfte konnten sich in neue Arbeitsverhältnisse retten.

Weniger begünstigt waren die 100.000 Tausende in den Kombinaten und im Wissenschafts –und Kulturbereich und anderswo. Viele Biografien ostdeutscher Intellektueller wurden ausgelöscht. Denen klingt der Spruch Bildung ist Alles wie Hohn. Zwei Jahre nach der Wende waren mehr als 1,3 Millionen arbeitslos.

Treuhandanstalt

Die Grundidee der Treuhandanstalt, die behutsame Verwaltung und Überführung des „Volkseigentums“ wurde teilweise Glücksrittern und Spekulanten überlassen. Alle Betriebe und Einrichtung, die Grund und Boden besaßen, z.B. Ferienheime, Kindergärten, etc. mussten diese als nicht betriebsnotwendiges Vermögen abgeben. Das war aber meist der erste Sargnagel zur Liquidierung.

Ich kannte die Typen von der Treuhandanstalt und musste mehrfach mit ihnen verhandeln. Das erste was sie dem Verlag abgenommen haben war das Grundstück des Fallada Anwesens in Carwitz bei Feldberg, von der Witwe von Rudolf Ditzen gekauft und im Grundbuch ordungsgemäß eingetragen.

Beispiel Kinderbuchverlag Berlin

1990 hatte Der Kinderbuchverlag Berlin rund 155 Angestellte und ca. 300 weitgehend mit dem Verlag verknüpfte freischaffende Autoren, Übersetzer und Grafiker.

1949 gegründet, wurden in der fast 50-jährigen Geschichte rund 5000 Bücher editiert. In den letzten Jahre wurden rund 160 Erstauflagen und zwischen 300 und 320 Nachauflagen jährlich herausgebracht. Mindestens 10. Millionen Bücher sind jährlich gedruckt und vertrieben worden. Über die Jahre waren das mehr als 300. Millionen Bücher. Allein das Kinder-Lexikon von Anton bis Zylinder hatte eine Millionenauflage.

Zum Verlag gehörte der ehemalige Alfred Holz Verlag (als Edition Holz im Imprint weitergeführt), der Nitsche Verlag in Niederwiesa (Kinderbücher für die Jüngsten), der Postreiter Verlag Halle und eigentumsrechtlich überraschenderweise auch der Altberliner Verlag, was aber erst nach der Wende bekannt wurde.

Die Liste der Autoren und Grafiker liest sich wie das who is who der DDR-Literatur. Alle großen Namen waren vertreten. Von A für Peter Abraham bis W für Alex Wedding. Für die Buchillustrationen gab es Preise und Anerkennung auf internationalen Messen. Die Autoren wurde aus ideologischen Gründen oft kritisch beäugt. Einige wurden auch in der BRD verlegt. (Benno Pludra)

In der Zeit als ich dort als Ökonomischer Direktor, Geschäftsführer und Verlagsleiter (nach der Wende) zwischen 1980 bis 1991 tätig war, wurde ein jährlicher Gewinn zwischen 6 bis 13 Millionen DDR Mark erwirtschaftet. Der Umsatz betrug rund 60 bis 70 Mio. Das hing im wesentlichen vom zugewiesenen Papierkontingent ab. Rund eine halbe Millionen Westmark wurde jährlich erzielt. Der Gewinn wurde an das Ministerium für Kultur/HV Verlage und Buchhandel überwiesen. Von dort ging er an die SED. Das wurde verschleiert.

Rund 300.000 DDR Mark standen davon jährlich für Gehaltserhöhungen im Rahmen des BKV (Betriebskollektivvertrages) und für die Finanzierung unseres Ferienheims in Carwitz (Fallada-Haus), für unsere Ferienwohnung in Landwüst (Vogtland), einer Leipziger Wohnung (Buchmesse) und für Essenszuschüsse zur Verfügung. Die Vergabe der Mittel wurde jährlich mit der BGL (Betriebsgewerkschaftsleitung) ausgehandelt.

Mit dem Beschluss über eine Währungsunion war klar, dass der KBV Berlin in unmittelbarer Konkurrenz zu den westdeutschen Verlagen stand. Weil die Märkte, vor allem in Osteuropa (ca. 5 Mio. Umsatz im Jahr) völlig wegbrachen und die Programmstruktur auf Vollabdeckung angelegt war, mussten wir davon ausgehen, dass die Konkurrenz sich auch in der Treuhandanstalt tummelte.

Rettungsversuche

Über eine international agierende Rechtsanwaltskanzlei wurde deshalb nach einem Partner aus dem europäischen Ausland gesucht, um wenigstens ca. ein Viertel der Mitarbeiter halten zu können. Dazu war ich in entsprechende Verhandlungen mit der Group de la Cite‘ in Paris bereits im Mai 1990. Damals hatten wir noch Ostmark und die Flugtickets waren teuer.

Nachdem der Verlag 2 Wochen von Controllern durch gescheckt wurde gab es ein Angebot. 25 bis 30 Mitarbeiter sollten übernommen und der Verlag für 1 Mio. DM gekauft werden. Das Ergebnis lag zum Tag der Deutschen Einheit bereits vor.

Bis zum Ende des Jahres 1990 wurden wir hingehalten. Daraufhin habe ich eine Frist bis Ende März 1991 gesetzt und dann gekündigt. Inzwischen wussten wir, wer hinter der Verschleppung stand.

Mir ist erinnerlich, das der Kontostand damals bei rund 1 Mio. DM im Plus lag. Dem standen aber auch große, teilweise justiziable Verbindlichkeiten gegenüber. Viele hatten einen schlechteren Start.

Abgesang

Der Kinderbuchverlag Berlin wurde ein Jahr später für eine D-Mark verkauft. Über die Käufer möchte ich nichts sagen weil ich es nicht aus erster Hand habe. Einer von ihnen war aber ein Direktor der Treuhand.

Wenigstens hat die langjährige Cheflektorin Dr. Katrin Pieper 1992 ein Management by out mit dem LKG als leiv Leipziger Kinderbuchverlag GmbH gegründet und einige Autoren und Titel vor dem Vergessen gerettet.

P.S. Wen es interessiert. Ca. 500 bis 700 Bücher des Kinderbuchverlages Berlin befinden sich bei mir in der Bibliothek.

siehe auch: http://www.mdr.de/damals/archiv/kinderbuchverlag_berlin100.html

und: https://books.google.de/books?id=dJ8TyQa5tfwC&pg=PA220&lpg=PA220&dq=der+kinderbuchverlag+berlin&source=bl&ots=-jwBhBTcfe&sig=SzPFnx4t6uqGMuVPWtaOtG8Q8wU&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiWiJDszNjPAhXNSxoKHTkuADc4FBDoAQhDMAI#v=onepage&q=der%20kinderbuchverlag%20berlin&f=false

sowie: http://www.buchhandlung89.de/epages/61441600.sf/de_DE/?ViewAction=View&ObjectID=33020345&PageSize=10

Hartmut Dold

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