Die 50-er und 60-er Jahre

Wer immer noch glaubt, der Gleimtunnel bezieht seine einzige Bedeutung aus seiner Klassifizerung als Technisches Denkmal Berliner Industriegeschichte, der irrt. Gewiss sind die 80 inzwischen stark korrodierten gusseisernen Hartungschen Stützsäulen ein Beispiel Berliner Ingenieurskunst. Aber seine zeitgeschichtliche Bedeutung ist ebenso wichtig.

Die kann für die Nachkriegszeit bis nach der Wiedervereinigung beider Hälften Berlins sehr gut am Gleimtunnel dargestellt werden. Bis 1961, also rund 15 Jahre lang, hieß es auf einem Schild auf der Westseite bis 1961:

VOUS QUITTEZ LE SECTEUR FRANCAIS“ (Ende des französischen Sektors).

Darüber brauchte sich keiner der in der Gleimstraße Wohnenden groß kümmern. Viele arbeitenden im Westen und wohnten im Osten, manchmal auch umgekehrt. Kinder in aus dem Brunnenviertel gingen zur Schule am Falkplatz und Gleimstraßenkinder Ost in die Schule in der Graunstraße.

Bewegung bei den „Grenzgängern“ kam durch die 1953 einseitig von den West-Alliierten verfügte Währungsunion. Nach kurzer Zeit war die Westwährung um den Faktor 4:1 der des Ostens überlegen. Das öffnete Spekulanten Tür und Tor. Besonders Kinder wurden gern zu den Einkaufstouren geschickt. Kontrolliert wurde eher lachs.

In einem Gedächtnisprotokoll berichtet ein Anwohner:

„In den fünfziger Jahren befand sich auf der Ecke vor dem Falkplatz ein Kiosk vom Konsum… Auf dem Stück von der Schwedter Straße bis zur Schule war Geschäft an Geschäft.

Es ging hier los an der Ecke Gleim- und Schwedter Straße mit der Kneipe von Heidorn. Dann kam der Friseur Liebzeit, das war sozusagen der Stammfriseur der Hertha-Mannschaft. Dann war hier ein Lebensmittelgeschäft, geführt von einer älteren Dame und ihrer Tochter.

Bei uns im Haus war die Fleischerei Wunderlich, in der Nummer 58 ein großer Seifenladen, der dem Ehepaar Vorwerk gehörte, in der 57 befand sich ein Lebensmittelgeschäft, davor eine Kohlehandlung oder umgekehrt.

Dann kam eine zweite große Kneipe. In dem Haus davor befand sich ein Gemüseladen. Dann kam der Bäcker Mühlstep, dahinter ein Blumenladen, dann kam wieder ein Lebensmittelgeschäft, das wurde von zwei Schwestern geführt und dann ein Zigarettenladen mit Lottoannahmestelle. … Und das zog sich bis zur Schönhauser Allee hin. Allein auf diesem Stück Straße waren in den fünfziger Jahren vier oder fünf Bäcker, das war ganz normal.“*

Im Gegenzug gingen Ostberliner Gören ins Flohkino ihrer Wahl nach Westen. 25 Pfennige West war der Eintritt. Also umgetauscht eine Ostmark. Die DDR Presse versuchte vergeblich die Ostberliner von den Kinobesuchen abzuhalten.  Aber die moralisierenden Beiträge über Gangsterbosse und Colts erreichten eher das Gegenteil. Erst der Bau der Berliner Mauer im August 1961 machte diesem Kapitel ein Ende.

Zwischenspiel

Am 16. Juni 1953 legten die Arbeiter am Prestigeobjekt der DDR, der Stalinallee, ihre Arbeit nieder. Sie protestierten gegen die Erhöhung ihrer Arbeitsnormen. Am nächsten Tag erfolgten Streiks und Protest auch anderswo. Der sowjetische Stadtkommandant verhängte den Ausnahmezustand. Panzer fuhren auf und Schüsse fielen.

Auch am Gleimtunnel sollen Panzer gesichtet worden sein. Ein Zeitzeuge berichtet:

„ … Die andere Seite war, dass am Nachmittag des 17. Juni hier von sowjetischer Seite Panzer auffuhren. Und zwar standen sie in der Schwedter Straße, unmittelbar an der Grenze. Auf dem Falkplatz biwakierten sowjetische Soldaten. … Wir haben mit ihnen Volleyball gespielt „ * und Machorka geraucht.

Das Problem jedes Denkmals sind die Kosten seines Unterhalts. Darüber streiten sich der Berliner Senat und die Bahn wegen des Gleimtunnels schon jahrzehntelang. Bisher haben sie ihre Köpfe immer in den Sand gesteckt und es ihren Nachfolgern überlassen. Aber das Problem steht jetzt an.

Siehe: Heike Stange, Grenzgänge am Gleimtunnel in Grenzgänger, Wunderheiler, Pflastersteine, Seite 355 ff, Basisdruckverlag, ISBN 3-86163-091-5

Hartmut Dold

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Geschichte des Gleimtunnels

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