Nebenbei gelesenen

Ich mag Autoren wie Robert Harris, die sich in fiktiver Weise mit historischen Ereignissen beschäftigen, besonders wenn sie wieder aktuell werden. Der Chilcot-Bericht über die Verwicklung von Tony Blair, dem britischen Ex-Premierminister in den Irakkrieg, hat mich veranlasst, seinen Roman Ghost erneut zu lesen.

Zur Erinnerung:

Gemeinsam mit den Amerikanern hatten die Briten den Irak 2003 angegriffen – obwohl es dafür kein Mandat des Uno-Sicherheitsrates gab. Beide Regierungen beriefen sich auf Geheimdienstinformationen über angebliche Massenvernichtungswaffen des damalige Diktators Saddam Hussein, die jedoch nie gefunden wurden.

46.000 Soldaten schickte die britische Regierung in den Irak zum Einsatz, 179 starben. Auf Seiten der Iraker kamen Hunderttausende Menschen ums Leben – im Krieg und in den von Gewalt, Terror und Unruhen geprägten Jahren danach. Heute ist Blair, einstiger Star der Labour-Partei, eine der unbeliebtesten Personen des Landes.

Zum Roman

Robert Harris schreibt in Ghost über Tony Blair. Bei ihm heißt er Adam Lang. Jetzt ist er aus dem Amt geschieden, und alle Welt erwartet angeblich sehnsüchtig die Memoiren des charismatischen Machtmenschen. Sensationelle zehn Millionen Dollar Vorschuss hat ihm sein amerikanischer Verleger geboten.

Unter zwei Bedingungen: Das Buch muss binnen zwei Jahren auf dem Markt sein, und der Ex-Premier soll in Sachen Krieg gegen den Terror kein Blatt vor den Mund nehmen. Sein Ghost, ein ehemaliger verdienstvoller enger Mitarbeiter wird allerdings tot am Ufer der US-amerikanischen Insel Martha’s Vineyard, wohin sich Adam Lang zum Aufarbeiten seiner Erinnerungen zurückgezogen hat, angeschwemmt.

Ein Ersatzmann wird schnell gefunden, der allerdings auf eigene Faust noch genauer als sein Vorgänger in der Vergangenheit des Machtpolitikers recherchiert und dabei auf  Dinge stößt, die die Verwicklung der USA/CIA  mit dem UK im Vorfeld des Irakkrieges mehr als erhellen.

Der Aufreger des Romans ist, dass Lang/Blair wegen der illegalen Genehmigung eines SAS Einsatzes gegen angebliche Terroristen in Pakistan, die im Nachhinein als britische Staatsbürger identifiziert wurden, vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt werden soll.

Die „Terroristen“ wurden der CIA übergeben und in speziellen Flugzeugen in Foltergefängnisse verbracht. Dafür gibt es Beweise.

Ich will nicht Zuviel von der Pointe verraten. Aber seine Frau Ruth spielt eine entscheidende Rolle. Die CIA natürlich auch!

Zurück zum Anfang

Bei der Veröffentlichung des Chilcot-Reports am 07.07.2016 wirkte Tony Blair sichtlich angefasst. Ja, es habe vor dem Irakkrieg falsche Informationen der Geheimdienste gegeben. Ja, die Folgen des Einsatzes seien blutiger gewesen, als er es sich jemals habe vorstellen können. Für all das fühle er mehr „Trauer und Bedauern“, als man es sich vorstellen könne, sagt Blair. Aber: „Die Welt war und ist ein besserer Ort ohne Saddam Hussein.“

Diese Meinung hat er wie Busch Junior exklusiv.

Nach der Veröffentlichung des Chilcot-Berichts könnte es für Blair nun noch unangenehmer werden, als es ohnehin schon ist. Ihm drohen möglicherweise juristische Konsequenzen, auch wenn die Kommission nicht festgehalten hat, ob der Irak-Einsatz juristisch zu ahnden ist.

Die Demonstranten in Londons Zentrum, darunter auch Politiker schmettern jedenfalls unaufhaltsam einen Slogan: „Tony Blair – Kriegsverbrecher.“

Welch eine Parallele zu dem 2007 veröffentlichten Roman „Ghost“ von Robert Harriss auf den entsprechenden Seiten.

Hartmut Dold

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Gleimviertel – Literatur

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