Kleiner geschichtlicher Exkurs

Biegt man von der Schönhauser Allee von Norden kommend hinter der Brücke über die S-Bahn am Oxfam-Laden und vor dem Schönhauser Karree rechts ab, gelangt man in die Kopenhagener Straße. Dann ist man im Gleimviertel, dem Namensgeber unseres Bürgervereins. …

Namensgebung

Das Viertel hat seinen Namen nach Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Der lebte zwischen 1709 und 1803 und galt als Vorläufer der deutschen politischen Lyrik. Als „Vater Gleim“ war er bis ins hohe Alter weithin geachtet. Das verdankte er weniger seinen literarischen Ergüssen als vielmehr dem Umstand seiner Vernetztheit auch ohne Smartphone.

Er korrespondierte mit über 400 Briefpartnern, darunter mit allen deutschsprachigen Dichtern und Dichterinnen seiner Zeit. Gleim war mit Herder, Klopstock, Mendelssohn, Voß, Seume und den Kleists befreundet. Rund 10.000 Briefe sind erhalten, wow!

Wer der Gleimstraße, der nächsten parallel zur Kopenhagener verlaufenden Straße ihren Namen gab, ist nicht bekannt. Es war wohl ein Verwaltungsakt. Jedenfalls erfolgte die Namensgebung erst 1892. Bis dahin hieß sie Straße Nr.19, Abteilung XI des Hobrechtschen Bebauungsplanes von 1862 und war lange eher ein Feldweg.

Die Benennung der Kopenhagener Straße ist jüngeren Datums, aber auch hier gibt es eine Vorgeschichte.

Das Nordische Viertel

Nach dem gewonnenen Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 kam es in Deutschland und insbesondere in Berlin zu einem Gründerboom, der vor allem aus den Reparationszahlungen Frankreichs gespeist wurde.

Es wurde Mode, die Straßen in den neu entstehenden Stadtquartieren nach bestimmten geografischen Gesichtspunkten zu benennen. So entstand in den 80-er Jahren des 19.Jahrhunderts das „Französische Viertel“ zwischen Schönhauser und Prenzlauer Allee mit Namen französischer Städte wie Metz, Straßburg, Colmar, Belfort, Wörth und Mühlhausen.

Später kamen dann das „Westpreußen Viertel“ und das „Ostpreußen Viertel“ hinzu, deren Straßennahmen aber nach Gründung der DDR durch die Namen antifaschistischer Widerstandskämpfer ersetzt wurden. Zwischen 1945 und 1990 wurden insgesamt 47 Straßen und Plätze umbenannt.

Kopenhagener Straße

Die Kopenhagener Straße gehört, wie schon ihr Name sagt, zum sogenannten „Nordischen Viertel“ des Prenzlauer Bergs, der seine Namensgebung allerdings erst 1921 als Verwaltungsbezirk 4 des neuen Groß-Berlin erhielt.

Die nach der Jahrhundertwende angelegten Straßen verliefen zwischen der Bornholmer Straße im Norden, rund um den Arnimplatz und bis ins Gebiet des heutigen Gleimviertels hinein, das damals vom Norden noch nicht durch die S-Bahn Trasse geteilt war. Neben typischen Namen wie, Finnländischen Straße, Gotlandstraße, Malmöer Straße, Dänen Straße, die auf nordische Orte verwiesen, gab es auch Straßennahmen, die an den dänischen Dichter Anderson, und die norwegischen Schriftsteller Björnson und Ibsen erinnerten.

weitere Straßen

Neben der Kopenhagener Straße, gibt es im Gleimviertel weitere Straßen mit nordisch-östlichen Namen. Die Ystader Straße, die Korsörer Straße, die Schwedter Straße, die Sonnenburger Straße und die Rhinower Straße, wobei hier der „nordische“ Bezug nicht ganz eingängig ist, liegt doch Rhinow westlich Berlins am Rande des Rhin-Luchs.

sehr speziell

Ein Kapitel für sich ist die Sonnenburger Straße. Benannt nach Sonnenburg/Neumark, Stadt in der früheren Provinz Brandenburg, heute Slonsk, Woiwodschaft Lubuskie (Lebus). Der Ort kam im Ergebnis des Zweiten Weltkriegs an Polen.

Die Sonnenburger Straße, vorher Straße 16 der Abt. XI des Hobrechtschen Bebauungsplanes, erhielt 1906 ihren Namen. 1911 beschloss die Stadtverordnetenversammlung Berlin den Ankauf der östlichen Hälfte des Exerzierplatzes vom Militärfiskus.

Durch diesen Ankauf war eine Verlängerung der Sonnenburger Straße von der Gaudy- bis zur Eberswalder Straße möglich. Dieser Abschnitt trug von 1920 bis 1935 den Namen Rudolf-Mosse-Straße, benannt nach einem bedeutenden jüdischen Verleger, der auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee ein Ehrengrab erhielt.

1935 wurde die Straße von den Nazis in Sonnenburger Straße rückbenannt. Den Namen trägt sie bis heute.

Hartmut Dold

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Gleimviertel – Deine Straßen

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