Was man von Island lernen könnte!

Was hat Island Deutschland voraus? Nun, die isländische Fußball-Nationalmannschaft hat sich bereits für die Europameisterschaft qualifiziert. Die DFB-Elf muss morgen in Leipzig gegen Georgien nachsitzen. Dabei ist Island mit 320.000 Einwohner kleiner als Pankow. Dafür haben sie aber Kampfgeist.

Vorgeschichte

Im Sommer 2008 kollabierten innerhalb weniger Wochen im Ergebnis der Finanzkrise die isländischen Banken und rissen das Land in eine tiefe Wirtschaftskrise.

Sieben Jahre nachdem die Insel im Nordatlantik im September 2008 ins Chaos stürzte, haben die Isländer die Hoheit über ihr Leben zurückgewonnen. Die Nation fand ihr Selbstwewußsein wieder, nachdem eine winzige Elite mit waghalsigen Spekulationen einen Wirtschaftsboom befeuert hatte, der im finanziellen Zusammenbruch endete und Island bis in den Staatsbankrott gezwungen hatte.

Direkt vor der Finanzkrise waren die Kredite in den Büchern der drei isländischen Großbanken zehnmal größer als die Wirtschaftsleistung des Landes. Die Folge: Die Zentralbank des Landes, konnte nach dem Ausbruch der Finanzkrise die Stabilität der hoch verschuldeten Banken und der gesamten Wirtschaft nicht mehr garantieren.

Spekulanten wetteten gegen die isländische Krone, die binnen kürzester Zeit mehr als die Hälfte an Wert verlor. Das trieb die Inflation in dem von Einfuhren abhängigen Land auf 17 Prozent und brachte großes Leid über die Bevölkerung: Bankkunden, die ihre neue Häuser und Geländewagen mit Fremdwährungskrediten finanziert hatten, waren plötzlich pleite.

Mut zur Wahrheit

Eine „Wahrheitsfindungskommission“ des Parlaments hat die Ereignisse und ihre Ursachen inzwischen aufgearbeitet. Sie beschreibt auf 2400 Seiten ein System von Vetternwirtschaft, Ignoranz, nachlässiger staatlicher Kontrolle und Verfehlungen der Wirtschaftselite.

Die politisch verantwortlichen Parteien wurden von den „Eliten“ kontrolliert. Diese versprachen sich Mitte der 90er-Jahre einen Wachstumsschub durch die Privatisierung der Banken des Landes, die bis dato zu den vielen Sektoren gehörten, die vom Staat beherrscht wurden. Zwei der drei staatlichen Banken, Glitnir und Kaupthing, wurden zu äußerst günstigen Preisen an gut vernetzte Familien verkauft, die den beiden herrschenden Parteien nahestanden.

Korruption

Der Plan, die größte Bank, Landsbanki, an ein schwedisches Institut zu verkaufen, wurden plötzlich gestoppt. Stattdessen ging die Bank an Björgólfur Guðmundsson, der aus einer einflussreichen isländischen Familie stammt und seit Jugendzeiten eng mit der Unabhängigkeitspartei verbunden ist. Der Geschäftsmann hatte Jahre zuvor die Insel verlassen, nachdem er im Zuge einer Unternehmenspleite zu einer einjährigen Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt worden war. Im russischen Sankt Petersburg hatte er in den Nachwendewirren eine große Brauerei aufgebaut und schließlich für 400 Millionen Dollar an Heineken verkauft.

Extreme Maßnahmen

Der isländischen Regierung blieben auf dem Höhepunkt der Krise im Herbst 2008 nur extreme Maßnahmen: Die Banken waren viel zu groß, als dass der Staat als Retter hätte einspringen können. Deshalb verstaatlichte Reykjavík im Spätsommer 2008 praktisch das gesamte Finanzsystem des Landes und isolierte es vom Rest der Welt.

Die Regierung fixierte den Wechselkurs der isländischen Krone und verhängte strenge Kapitalverkehrskontrollen, um eine Kapitalflucht zu verhindern. Das Bankensystem sollte sich unter der Schutzglocke wieder erholen. Gleichzeitig half der Internationale Währungsfonds (IWF) mit einem Kredit über 2,1 Milliarden Dollar, weitere drei Milliarden kamen von den anderen nordischen Ländern und Russland.

Der Blick auf die Zahlen zeigt, dass sich das Land und seine 320.000 Einwohner von dieser Katastrophe relativ schnell erholt haben. Die Wirtschaft wächst schneller als die meisten anderen europäischen Volkswirtschaften, die Arbeitslosenquote hat sich seit 2008 mehr als halbiert; sie liegt nun bei nur noch 3,3 Prozent und könnte Experten zufolge weiter fallen, bis auf zwei Prozent. Außerdem kommen wegen des günstigen Wechselkurses siebenmal mehr Touristen als vor der Krise.

Probleme

Die Erfolgsgeschichte des Inselstaates hat auch ihre Nebenwirkungen. Die mit großen Hoffnungen auf den Weg gebrachte neue Verfassung liegt auf Eis, und die Politik schürt, nicht ohne Grund, die Angst vor ausländischen „Investoren“.

Isländische Sparer, die ihr Geld unter normalen Umständen im Ausland anlegen würden, darunter auch die großen Pensionsfonds, müssen es jetzt zu Hause investieren. Viele ausländische Produkte sind für die breite Masse der Isländer zu teuer geworden. Sie müssen deshalb auf einheimischen Angebote ausweichen. Das ist so schlecht nicht, wenn die Qualität stimmt.

Lehren?

Die Regierung scheut sich vor der Aufhebung der Kapitalkontrollen und befürchtet eine Kapitalflucht. Zu Recht! Das Beispiel Griechenland lässt grüßen, wiewohl die Griechen einiges von den Isländern lernen können. So wie wir Deutschen in Hinblick auf die Qualifikation zur Fußball EM in Hinblick auf Spirit auch. Vielleicht auch noch mehr?

Parallelen?

Parallelen kann man immer ziehen, wenn man will. z.B die: Misstraut den Eliten mit ihren Großanzeigen in Zeitungen, wenn es wie bei TTIP um den Entzug von demokratischer Kontrolle geht. Die mindestens 150.000 Demonstranten in Berlin heute haben jedenfalls ihre Lektion gelernt und Öffentlichkeitswirksam gemacht.

Ein Online-Magazin hat sich entblödet die Großdemonstration an den rechten Rand zu rücken. Denen fällt aber auch nichts mehr ein. Vielleicht sollten sie mal in den Spiegel blicken. Wie nervös müssen die denn sein?

Hartmut Dold

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Von Island zu TTIP

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