„Der Fluch der bösen Tat“?

Der Untertitel stammt aus dem letzten Buch von Peter Scholl-Latour. Er wurde 90 Jahre alt und hat kurz vor seinem Tod dieses Buch geschrieben, das im Herbst 2014 veröffentlicht wurde. Warum wir das erwähnen? Weil wir rechtzeitig hätten wissen können, was jetzt passiert und nicht überrascht sein dürfen.

Der Rufer in der Wüste ist unbequem dem Bequemen gegenüber. Peter Scholl-Latour galt deshalb den saturierten Abschreibern der Massenmedien und den Machern einschlägiger Talkshows als gern gesehener Kauz. Wenige hatten sein Niveau und seine Lebenserfahrung als Mann vor Ort sowieso nicht.

Der Fluch der bösen Tat

Peter Scholl-Latour hat seinem Buch ein Zitat von Friedrich Schiller aus Wallenstein vorangestellt:

«Das ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.»

In sieben Kapiteln schildert Peter Scholl-Latour in seinem Buch die jahrhundertelangen politischen und militärischen Interventionen des Westens zwischen der Levante und dem Golf.

Hier interessiert uns besonders seine Einschätzung zum gegenwärtigen Nahostkonflikt und seiner Ursachen.

Türkei und Syrien

Im Frühjahr 2013 brach Peter Scholl-Latour nach Anatolien auf, um einer dort stationierten Einheit der Bundeswehr einen Besuch abzustatten. Deren Patriot-Raketen waren auf Syrien gerichtet und auf Antrag der Regierung in Ankara vom deutschen Einsatzkommando der Nato in Geltow bei Potsdam in Stellung gebracht worden, um Solidarität mit den türkischen Bündnispartnern zu bekunden.

Aber jedermann war sich bewusst, dass es sich dabei um eine ziemlich überflüssige Beistandsgeste handelte.

«Das Übergewicht, über das der Generalstab von Ankara verfügte, war so enorm, dass die türkische Armee […] in kürzester Frist mit ihren Divisionen bis zur Hauptstadt Damaskus vorrücken könnte.

Im Zuge einer systematischen Desinformationskampagne hatten sich die Politiker und die Medien des Westens darauf geeinigt, dass es sich bei jedweden völkerrechtswidrigen Übergriffen nur um terroristische Absichten des syrischen Assad-Regimes handeln könne.

Die durchaus glaubhaftere Hypothese, dass die vom Westen unterstützten Rebellen größeres Interesse daran hätten, solche Zwischenfälle zu inszenieren, um die internationale Meinung und vor allem die Regierung Erdogan zusätzlich gegen das verfemte Regime von Damaskus aufzubringen, wurde offenbar in Nato-Kreisen nicht ernsthaft erwogen. Die elementare Frage cui bono – wer profitiert davon? – wurde nicht gestellt.»

Peter Scholl-Latour ist noch im Mai 2014, als der Krieg dort bereits voll entflammt war, nach Syrien gereist. Seine Beobachtungen und Analysen sind eingebettet in Hinweise auf Erfahrungen aus früheren Aufenthalten, die teilweise bereits 60 Jahre zurückliegen.

Zur Situation in Syrien schreibt er:

«Es gab keine klar umrissenen Territorien, in denen Freund und Feind sich säuberlich getrennt gegenüberstanden. Es hatte sich eine Art Leopardenfell herausgebildet, wie in der späten Phase des amerikanischen Vietnam-Engagements, dessen Musterung sich ständig veränderte.»

Heute gibt es in Syrien keine geordneten Befehlsstränge mehr, und die Menschen sind nun dort millionenfach auf der Flucht.

Peter Scholl-Latour versucht erst gar nicht, sich einen realistischen Überblick über die militärischen Kräfteverhältnisse in Syrien zu verschaffen oder gar eine strategische Analyse zu erlangen. Wichtiger als die tagespolitischen Scharmützel sind für ihn die kriegstreibenden Kräfte in diesem Stellvertreterkrieg: «war by proxies».

Daraus zieht er folgende Schlussfolgerungen:
  • Die syrische Rebellion ist nicht in den Metropolen wie Kairo oder Tunis ausgebrochen, sondern am Rand des syrischen Staates.
  • Der Krieg ist von außen in ein bis dahin stabiles Staatsgebilde hineingetragen worden, das einzig stabile Staatsgebilde im Orient.
  • Die revolutionäre Freie Syrische Armee (FSA) wurde durch massive Finanzierung von Saudi-Arabien und dem Emirat Katar aufgebaut.
  • Die Befehlsstrukturen der FSA wurden unter Anleitung der CIA von Jordanien bereitgestellt.
  • Unter Regie der CIA wurden die syrischen Rebellen mit modernem Kriegsgerät ausgerüstet.
  • In Washington, Riad und Jerusalem war man überzeugt, dass sich die Rebellion gegen Assad zu einer unwiderstehlichen Volkserhebung ausweiten würde, der der Assad- und Alawiten-Clan binnen kurzer Zeit erliegen würde.
  • «Wieder einmal – wie einst im Irak, in Libyen, in Tunesien, in Ägypten, morgen vielleicht in Iran – sind die westlichen Geheimdienste Opfer der eigenen Wunschvorstellungen und utopischer Fehlplanungen geworden.»

Die tausend Kilometer lange Grenze zur Türkei wurde von der Regierung Erdogan auf der ganzen Linie für das Waffenarsenal aus Saudi-Arabien und Katar geöffnet.
Den Kriegern des Islamischen Staats gelingt es immer wieder, die Waffenlieferungen, die mit Hilfe der CIA und zwielichtigen Contract workers der FSA zugedacht waren, für sich zu erbeuten.

Das totale Fiasko der westlichen Subversionsstrategie im nahöstlichen Raum ist die Unterstützung jener Organisationen, die einen islamischen Staat in Syrien gründen wollen.

Am Schluss zitiert Peter Scholl-Latour einen von den regulären Truppen Assads zur FSA desertierten Major: «Sie werden sich wundern, dass ich so unverblümt über unsere hoffnungslose Situation berichte … Aber heute wissen wir, dass wir nur Schachbrettfiguren in einem Great Game sind.»

Gegenwärtig wird der syrische Präsident Assad durch Russland und Iran mit neuem Kriegsmaterial versorgt und kann dadurch sein Regime am Leben erhalten.

Sollte es fallen werden hunderttausende Alawiten, Christen und Schiiten vom IS massakriert werden. Wer kann das wollen?

Unter den Nebelschwaden der Desinformation zeichnet sich langsam ein Bild ab. Die Ursachen für die Flüchtlingsströme in den Westen werden immer noch ausgeblendet. Erste Anzeichen für die Bekämpfung der Symptome gibt es. Die führen nach Russland. Aber spielt da der große Bruder mit?

Im Augenblick stehen sich die geostrategischen Interessen Russlands und der USA in der Levante diametral gegenüber. Europa laviert rum und folgt letztendlich der NATO/USA-Strategie. Der IS ist nicht leicht zu besiegen aber es ist machbar wenn es ein gemeinsames Ziel gäbe.

Die Leittragenden sind die Tausenden von Toten und die Hunderttausende Flüchtlinge, die zum Spielball im Great Game werden.

Übrigens haben dem Guardian zufolge die Russen bereits 2012 dem Westen angeboten Assad als Teil eines Friedensabkommens auszuboten. Der Westen habe aber abgelehnt.

siehe: http://www.swg-hamburg.de/Bucher/Peter_Scholl-Latour_Der_Fluch_der_boesen_Tat.pdf

Hartmut Dold

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Flüchtlingsströme in Europa

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