Gut leben in Deutschland?

Unter diesem Motto tingelten Regierungspolitiker durchs Land bis es zum Vorfall in Rostock mit dem weinenden Mädchen und der Bundeskanzlerin kam. Darüber sind die Medien inzwischen in kritischer, satirischer oder beschönigender Form hinweggegangen. Aber nicht nur Asylbewerbern geht es im prosperierenden Deutschland schlecht.

Das Prekariat – also die Millionen Hartz IV-Empfänger, die Arbeitslosen und die in Praktika und Zeitarbeitsunternehmen befristet Beschäftigten, müssen täglich um ihre Existenz und ihr Fortkommen fürchten. Ein Dasein das krank macht.

Angeblich ernähren sich Hartz-IV-Beziehende besonders gern von Pfannkuchen. Das macht zwar satt aber auch dick. Der Grund sind die unglaublich billigen Milchpreise. 60 Cent für ein Liter Vollmilch, mit 3,5 Prozent Fett. Kein Wunder, dass die Bauern auf die Barrikaden gehen und Straßen blockieren wie unlängst in Frankreich. Die Griechen bezahlen übrigens mindestens den doppelten Preis.

Jetzt noch etwa Mehl kaufen und 2 Eier in die Pfanne hauen. Das dürfte genügen um für 1,50 Euro mindestens einen Tag satt zu werden. Verhungern braucht keiner. Wir leben in einem Sozialstaat.

Gesellschaftliche Teilhabe. Was ist das? Ins Kino, zu Sportveranstaltungen oder ins Konzert gehen, fällt aus. Verwandte in anderen Städten besuchen? Muss man sich ortsunabhängig melden und persönlich vorsprechen, wenn man einen Termin bekommt. Fällt im Prinzip auch aus, es sei denn man pfeift darauf. Urlaub, wie bitte und wovon?

Wer sich bei einem Jobcenter oder einem Arbeitsamt gemeldet hat, ist in einer quasi-feudalen Abhängigkeit. Der Lehnsherr entscheidet. Er regelt das über seinen Voigt, der natürlich niemals Zeit hat.

Wenn sie sich im medizinisch-altenpflegerischen Bereich arbeitssuchend gemeldet haben, erhalten sie täglich Formbriefe, in denen Sie aufgefordert werden diesen oder jenen privaten Arbeitsvermittler aufzusuchen. Sie müssen das alles dokumentieren, um nicht von Sanktionen bedroht zu werden.

Von den privaten Arbeitsvermittlern werden Sie in der Regel aufgefordert, umfangreiche Fragebögen zu Ihren persönlichen Daten auszufüllen. Sie wissen nicht, was damit passiert und ob sie an Datenhändler weitergegeben werden.

Konkrete Arbeitsangebote bezüglich eines konkreten Arbeitgebers sind eher selten. Haben Sie sich als Pflegefachkraft (3-jährige Fachausbildung) mit Zertifizierung registrieren lassen, erhalten Sie durchaus auch „Angebote“ als Pflegehelfer oder als Fachkraft für Organtransplantation.

Wenn selbst dieser Mist in einem der am stärksten nachgefragten Berufe möglich ist, wie sieht es dann in anderen Bereichen aus?

Ein weiteres Beispiel: Sie werden wegen Mobbing ordnungsgemäß gekündigt und legen dagegen Kündigungsschutzklage ein. Sie sind gezwungen, sich am ersten Tag nach der Kündigung arbeitslos zu melden. Sie gewinnen die Klage und teilen das dem Arbeitsamt mit. Zwischen dem Prozess und der Kündigung liegen Wochen.

Das Arbeitsamt stellt, nach dem Sie ihm das Urteil mitgeteilt haben, rückwirkend alle Zahlungen ein und der Arbeitgeber weigert sich, trotz Fortbestehens des Arbeitsverhältnisses zu zahlen, weil Sie es böswillig unterlassen hätten, sich um neue Arbeit zu kümmern.

Da stehen Sie allein da. Keiner hilft Ihnen. Sie rufen beim Arbeitsamt mehrfach an, keine Rückmeldung. Sier erhalten eine Nummer beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales/Rechtsauskunft. Das können Sie sich sparen. Sie gehen zu einem Rechtsanwalt, müssen aber erkennen, dass ca. 2000 Euro Kosten auf sie zu kommen könnten.

Zu all diesen Problemen konnte der Bürgerverein Gleimviertel kostenlose Rechtsberatung anbieten. Das ist ab dem Juni 2015 leider nicht mehr möglich, weil die Schulverwaltung die Räume des Kieztreffs gekündigt hat. Sicher gibt es noch irgendwo kostenlose Rechtsberatung. Aber die wird immer mehr ausgedünnt.

Gut leben in Deutschland? Vielleicht für eine Mehrheit ja? Für mindestens ein Drittel der Bevölkerung eher nicht.

Zurück zu den Pfannkuchen. Ihr wesentlicher Bestandteil ist ja Milch. Deren ursprüngliche Funktion ist zu stillen. Mit Milch, Alkohol und Degeto braucht man sich keine Sorgen um diese Nichtwähler mehr zu machen.

Hartmut Dold

Please follow and like us:
In die Pfanne gehauen?

Ein Gedanke zu „In die Pfanne gehauen?

  • 3. August 2015 um 22:52
    Permalink

    Hallo Hardy,

    Das war ein echt geiler Artikel!

    Petra

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.