An der Abbruchkante der Zeit?

In seinem Ende März ins Deutsche übersetzten Buch: „Ändere die Welt“ fordert Jean Ziegler ein Ende des Raubtierkapitalismus. In den demokratischen Strukturen des Westens sieht er die Möglichkeit, durch die massenhafte Wahrnehmung der Verfassungsrechte diesen zu überwinden. Seiner Ansicht nach stehen wir wieder an einer Abbruchkante der Zeit, die Kant bereits vor 250 Jahren für des Ende des Feudalismus beschrieb.

Wer ist Jean Ziegler und was ist seine Botschaft?

Jean Ziegler, geboren 1934, ist der wohl bekannteste streitbare Soziologe der Gegenwart. Allein sein Alter ist ein Erfahrungsschatz an Wissen, kulturellem Gedächtnis und persönlichen Begegnungen, wie es ihn kaum noch gibt. Seine jungen Jahren wurden geprägt von seiner Freundschaft zu Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir sowie durch viele Afrika- und Südamerika Aufenthalte. Er kannte Che Guevara persönlich.

Der Soziologieprofessor an der Universität Genf war bis 1999 Nationalrat im Parlament der Schweizer Eidgenossenschaft. Seine Publikationen wie: „Die Schweiz wäscht weißer“ und „Die Schweiz, das Gold und die Toten„, haben erbitterte Kontroversen ausgelöst.

Von den Schweizer Banken wurde er in 9 Prozessen nieder geklagt. Das hat ihn sein Vermögen gekostet. Zuletzt erschien der Besteller: „Wir lassen sie verhungern“ (2012) im C. Bertelsmann Verlag.

Ziegler ist derzeit Mitglied des UN-Menschenrechtsrates und war lange Jahre im Auftrag der UNO rund um die Welt tätig.

Sein neues Buch; „Ändere die Welt“ von Ende März 2015 stand lange auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Worum geht es?

Die Kriege sind zurück, Hunger und Not gehören auch in Europa wieder zum Alltag. Egoistisch-Nationalistisches Denken gewinnt wieder an Boden. Die Welt verfügt zum ersten Mal in ihrer Geschichte über die Ressourcen, Hunger, Krankheit, Tyrannei auszumerzen; und doch wird der Kampf um knappe Güter menschenverachtend in immer neuen Dimensionen ausgetragen.

Jean Ziegler, der seit Jahrzehnten Elend, Unterdrückung und Ungerechtigkeit anprangert, blickt zurück und befragt sich selbst, was er mit seiner wissenschaftlichen und politischen Arbeit bewirkt hat.

Warum gelang es den Menschen in den westlichen Gesellschaften bisher nicht, ihre inneren Ketten abzuschütteln, die sie hindern, frei zu denken und zu handeln? Er ruft dazu auf, die Welt zu verändern und zu einer sozialen Ordnung beizutragen, die nicht auf Beherrschung und Ausbeutung basiert. Seine Hoffnung richtet sich auf eine neue weltumspannende Zivilgesellschaft, die antritt, die Ursachen der kannibalischen Weltordnung zu bekämpfen.

Dabei sieht er die Zivilisation der Gegenwart an einer Abbruchkante, die bereits der deutsche Philosoph Emanuel Kant, Zeitzeuge der Französischen Revolution von 1789, am Ende des Feudalismus bemerkte. Den Kapitalismus hält Ziegler für unreformierber.

Das galt ja auch für den Kommunismus, der einfach implodiert ist, nachdem er erfoglos in vielen Stellvertreterkriegen mit Millionen Opfern bekämpft wurde.

Wenn es jetzt nicht gelingt, den Raubtierkapitalismus zu überwinden, den Widerstand demokratisch zu organisieren, dann ist es vorbei. Armageddon, die letzte Schlacht – Neues Testament, letztes Kapitel:  Apokalypse

Dann bleibt nur der Dschungel?

Tröstlich ist, dass Ziegler für sich persönlich und für die Menschheit einen Sinn in ihrem Dasein sieht. Er bejaht die Evolution und ist optimistisch. Für ihn besteht der Sinn der geschichtlichen Entwicklung, in Anlehnung an Adorno und Marx, in der Menschwerdung des Menschen. Das ist die alte (?) Utopie: Jeder nach seinen Fähigkeiten, Jedem nach seinen Leistungen und Befürfnissen.

Neben den philosophischen Aspekten, stehen eher die konkrete Fakten im Vordergrund seines Buches.

Das Verhungern der Kinder und die Unterernährung in einer Welt des Überflusses. Der Raub der Bodenschätze durch Privatarmeen in Afrika und die Spekulation an Börsen auf Nahrungsmittel, die unendliches Elend in der Dritten Welt erzeugen können, aber leicht durch die Änderung der Börsengesetze in den Industriestaaten zu beseitigen sind.

Die Rückkehr des Hungers nach Europa

Jetzt gibt es wieder Hunger in Europa. Laut UNICEF seien 11,8% der spanischen Kinder unterernährt. Eine Untersuchung der Situation in Griechenland liegt noch nicht vor. Wir befürchten Schlimmeres.

Fazit

Ein kluges Buch, das umfassend und an Hand persönlichen Erlebens, die aktuelle Lage, den Niedergang des Sozialen und die Möglichkeiten der Veränderungen vor Augen führt. Und das in praktischen Beispielen am Ende aufzeigt, dass es tatsächlich ganz real und ohne Gewalt noch anders geht und ginge.

Man könnte ihm Idealismus unterstellen und Marx hätte es wohl auch getan. Lenin hätte die „Umkehr der Waffen“ gefordert. Aber wir leben in neuen Zeiten und Ziegler ist bewusst, dass es neben revolutionären Gedanken auch Subjekte bedarf, die diese auch umsetzen, wenn die Zeit reif ist.

Hartmut Dold

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Gleimviertel – Literatur

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