Wie endet die griechische Tragödie?

In der griechischen Tragödie, die sich gegenwärtig abspielt, hat der Held Alexis Tsipras einen ersten Sieg gewonnen, in dem er sein Volk hinter sich gebracht hat. Wird es den Griechen nutzen oder schaden? In der klassischen Tragödie ist es ein antagonistischer Widerspruch zweier unversöhnlicher Mythen, worin die Helden nur verlieren können. Einer der Helden hat sich schon tragisch verabschiedet, Yanis Varoufakis.

Worum geht es?

In der aktuellen griechischen Tragödie geht es um Europa. Wir werden Zeugen eines Kampfes von fundamentalen Grundsätzen, die allein deshalb ‚Mythen‘ genannt zu werden verdienen, weil sie bereits in Athen vor mehr als 2500 Jahren geboren wurden:

Den Mythos von der Freiheit und Selbstbestimmung einer Bürgerschaft mit seinem Vertrauen in die Kraft der praktischen Vernunft und seinem Glauben an das Politische.

Und dem Mythos vom Markt, der Käuflichkeit von Allem und Jedem und der Einhaltung von Regeln, die sich die Spielmacher der Regeln selbst gegeben haben, um sich zu bereichern.

Welches Europa wollen wir?

Heute sprechen wir davon, welches Europa wir wollen und brauchen. Ein Europa sozialen Ausgleichs und politischer Teilhabe, ein demokratisches Europa, oder ein Europa, das von Oligarchen der Finanzindustrie und ihren politischen Helfern bestimmt wird.

Die beiden Mythen gehen nicht zusammen, weil sie in sich konkludent sind. Sie folgen ihrer eigenen Logik, die sich jeweils dem anderen Mythos widersetzt.

Tsipras verfolgt das Primat des Politischen, ganz in der klassischen Diktion. Er klagt das Selbstbestimmungsrecht der Völker ein und verweist auf die Prinzipien der Demokratie; er hat in seinem Weltbild Recht.

Dagegen stehen die Gläubiger von IWF, ESM und der Eurogruppe, das Triumvirat der ökonomischen Macht und die Apologeten des Marktes. Sie pochen auf die angeblich ehernen Gesetze der Wirtschaft: Wer Schulden macht, hat diese zu begleichen und: An Regeln hat man sich auch unter geänderten Umständen eisern zu halten.

Die Dramen

Das ist der klassische Stoff der antiken Dramen. Einer der berühmtesten Dramatiker war Aischylos und eines seiner bekanntesten Stücke hieß „Die Eumeniden“, uraufgeführt im Jahre 458 v. Chr.

Das Drama schildert den Konflikt zwischen dem alten Mythos der großen Muttergöttin und dem neuen Mythos der Olympischen Götter. Der Held, Orestes, hat den Zorn der Erinnyen auf sich gezogen – der Schergen und Töchter der großen Nacht, der Sachwalterinnen des alten Mythos. Unerbittlich bestehen sie darauf, dass dessen Mord an seiner Mutter nur mit seinem eigenen Blut zu sühnen sei. Kompromisslos pochen sie auf das Grundaxiom ihrer Weltordnung: Wer Mutterblut vergießt, muss dafür büßen. Auf Schuld folgt unausweichlich Sühne.

Doch treten den Erinnyen die olympischen Götter entgegen: Apollon und Athene, Sachwalter der Klugheit und Vernunft. Sie drängen darauf, die ewige Kette von Schuld und Sühne zu zerteilen und Orestes freizusprechen, da anderenfalls die Blutspur immer weiterreicht und jedes freie Leben auf der Erde schlechterdings unmöglich wird.

Parallelen?

Die Parallele sticht ins Auge. Auch Tsipras kämpft nicht einfach nur für die politische Interessen seiner Sammlungsbewegung Syriza. Er kämpft nicht einfach nur gegen die Gläubiger. Er kämpft gegen den scheinbar übermächtigen Mythos des Marktes, der mit derselben Unerbittlichkeit wie die Erinnyen sein ehernes Gesetz vertritt: Wer Schulden macht, muss sie begleichen. Es gibt es kein Entrinnen. Es ist das alte Mutterrecht in neuem Gewandt.

So gesehen stehen die Chancen für Tsipras schlecht. Kein Apollon ist da, der schützend seine Hand über ihn hält, keine Athene ist sichtbar, die stolz und klug den „Institutionen“ der Erinnyen die Stirn zu bieten wüsste. Nur Kaltherzigkeit und Häme schlägt ihm entgegen. Im Auge des Sturms Gabriel und Schulz, die von sozialdemokratischen Grundsätzen so weit entfernt sind wie … .

Was soll werden, wie soll Europa werden?

Es wird kein Gott vom Himmel steigen. Aber es nicht ausgeschlossen, dass sich ein neuer Geist in Europa entfaltet – es ist kein anderer, mit dem einst Griechenland Europa aus der Taufe hob: der Geist der Freiheit, der Geist der Demokratie, der Geist der Selbstbestimmung.

Im alten Griechenland hat er schon einmal das Wunder vollbracht und die Herrschaft des alten Mythos nebst seiner unerbittlichen Gesetzen gebrochen. Nur so konnte sich der Raum des Politischen öffnen, nur so konnte es zu jener unvergleichlichen kulturellen Blüte kommen, die Europa groß gemacht hat.

Canossagang

Sie werden es ihm schwermachen, dem Tsipras. Sein Gang nach Brüssel ähnelt dem Gang nach Canossa von Kaiser Heinrich IV. Er wird allerdings kein Büßerhemd anhaben, vielleicht ein weißes Hemd mit offenen Kragen. Und es ist auch nicht Ende Januar 1077 und bitterkalt. Sie werden ihn auch nicht 3 Tage vor der Pforte warten lassen. Sie werden sagen: komm herein, wir prüfen und ihr altes Spiel zu spielen versuchen.

Was aber wichtiger ist. Am Ende hatte Heinrich seine vollständige politische Handlungsfreiheit wiedererlangt und seine Macht gegenüber den deutschen Fürsten gestärkt.

Hartmut Dold

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Nach dem Referendum

2 Gedanken zu „Nach dem Referendum

  • 7. Juli 2015 um 14:27
    Permalink

    Lieber Herr Springer

    Auch in Deutschland und speziell in Berlin gibt es viele Zombies. Einige haben sich in Senatsverwaltungen eingenistet oder stehen ihnen vor, andere gleichen oszillierenden Röhren und führen eine Partei.

    H.Dold

  • 7. Juli 2015 um 11:03
    Permalink

    Griechenland ist ein Zombie-Staat:
    – jahrzehntelang sozialistisch regiert – aber kein Sozialsystem
    – Euro eingeführt – aber Bargeld-Ökonomie von Piratenrepublik (Seefahrer & Offshore)
    – Kein Steuersystem, sondern eine Oligarchenökonomie der Steuerhinterziehung
    – ein Auswandererland mit Kapitalflucht-Tradition
    – ein Land, dessen Auslandsgriechen mehr BIP erzeugen, als das Heimatland
    – eine renitente Steuerhinterziehungs-Folklore
    – und Mehrwertsteueroasen auf den Inseln für Europas superreiche Schickeria.

    Ich kann es nicht verstehen, wenn Europäer mehr Solidarität mit armen Rentnern zeigen sollen,
    die immerhin ein Eigenheim besitzen, das grundsteuerfrei in der Sonne steht, und aufwärts
    500 € mehr als unsere Hartz4-Empfänger beziehen.

    Ich kann auch nicht verstehen, wie Griechenland seine Reichen nicht in die Pflicht nimmt.

    Und ich kann nicht verstehen, wenn ausgerechnet Sarah Wagenknecht eine Mehrwertsteuererhöhung
    auf den griechischen Insel als „Austeritätspolitik“ verteidigt.

    Das Zombie-Land Griechenland sorgt dafür, dass alle Kategorien durcheinander kommen!

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