Mit Zeigefinger

Das Schöne an Ostern sind die vier freien Tage am Stück, wenn das Wetter mitspielt noch besser. Mache quälen sich dann auch auf Autobahnen entlang oder quetschen sich in überfüllte Züge. Für die Kinder sind die Ostergeschenke und das fröhliche Eiersuchen, ein eher heidnischer Brauch, das Wichtigste. Kaum einer denkt an den geschichtlich-religiösen Hintergrund. Warum auch?

Ohne religiös zu sein, möchten wir trotzdem darauf hinweisen, das heute am Karfreitag Jesus am Kreuz auf dem Hügel Golgatha bei Jerusalem gestorben ist. Am vorangegangenen Sonntag (Palmsonntag) war er in Jerusalem eingezogen. Dem davidischen Ritus gemäß auf einen Esel, denn das sahen die Weissagungen für einen Christos (König) der Juden vor.

Der für uns wichtige Tag war der Montag. Dort hat er, den Evangelisten Marcus, Lukas, Matthäus und Johannes nach, den Tempel von den Geldwechslern und Händlern gereinigt.

Wie Matthäus berichtet, warf Jesus dabei Tische von Geldwechslern und Stände von Taubenhändler um. Der lizenzierte Handel mit Opfergaben (Tauben, Öl und Opfertieren) sowie die Entrichtung der Tempelsteuer kamen kurzzeitig zum Erliegen. Auch der Wechsel von heidnischen Münzen in solche mit nicht heidnischen Abbildungen konnte zunächst nicht mehr stattfinden.

Die Aktion richtete sich dem Anschein nach gegen die zunehmende Kommerzialisierung des Tempelkults. Den Angaben zufolge sagte Jesus: „Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber macht daraus eine Räuberhöhle.“

Obwohl die jüdische Tempelgarde oder römische Soldaten nicht unmittelbar eingriffen, hatte er damit sein Todesurteil gesprochen. Aber warum?

Religion und Kommerz

Ähnlich wie bei der Kaaba in Mekka war der Tempel neben seinem überragenden religiösen Symbol für die Identität der Juden und als Sitz ihres Gottes, vor allem auch ein Wirtschaftsfaktor.

Er war der größte Arbeitgeber Jerusalems und beschäftigte nach Schätzungen ganzjährig ca. 7000 Priester und 10.000 Nebenbeschäftigte wie: Handwerker, Wachen, Tempeldiener und Musiker. Die Freiberufler wie Geldwechsler, Schlächter, Viehtreiber und Souvenirverkäufer nicht eingerechnet.

Der jüdisch-römische Historiker Flavius Josephus, dessen Adaption der Geschichte des Judäischen Krieges von Lion Leuchtwanger wir in seiner Trilogie gelesen haben, berichtet, dass während des Pessachfestes (Ostern) bis zu 200.000 Lämmer im Vorhof des Tempels geschlachtet wurden. Auch wenn diese Angaben übertrieben erscheinen, muss man bedenken, dass Jerusalem zu dieser Zeit über 120.000 Einwohner hatte, die während des Pessachfestes von 300.000 bis 500.000 Pilgern geflutet wurden.

Der Tempel war aber nicht nur ein Schlachthof für Opfertiere sondern auch eine Bank. Der Sanhedrin, also der Rat der hohen Priester und dessen damaliger Vorsteher der Hohepriester Kaiphas, wachte auch über die Finanzen. Die kamen vor allem über die Tempelsteuer und über die Geldwechsler herein. Diese kassierten einen Aufschlag von 12,5% bei der erzwungenen Umwechslung von der üblichen Währung in Tempelgeld, um die Opfertiere erwerben zu können.

Die Provokation seitens Jesus konnte sich der Sanhedrin nicht gefallen lassen. Er zerstörte ja ihr Geschäftsmodell. Er wird deshalb am Karfreitag vor die führende Priesterschaft gebracht (Matthäus 26,57-68), und danach vor den Hohen Rat, das oberste Gericht der Juden.

Anschließend wird er dem römischen Prokurator für die Provinzen Judäa und Samaria Pontius Pilatus vorgeführt, der ihn zu König Herodes zu einem Verhör schickt (Lukas 23,1-12). Der aber verhöhnte ihn und schickte ihn zu Pilatus zurück.
Pilatus fällt das Urteil: Tod durch Kreuzigung. Dem Prokurator war Jesus als Unruhestifter und Aufrührer präsentiert worden. Daran hatte er als Verwalter einer Povinz kein Interesse.

Ein jüdischer Volksaufstand brach 66 Jahre später trotzdem los. Der römische Feldherr Titus eroberte im Jahre 70 Jerusalem und zerstörte den Tempel. Die Einwohner wurden vertrieben und auf den Grundmauern der jüdischen Stadt eine römische mit Jupitertempel errichtet. Ihr Name war Aelia.

Gibt es Lehren?

Nur wenn man sie erkennen will. Im Umfeld des Tempels gab es Reichtum, Prestige, Arbeitsplätze und kaltblütig pragmatisches Denken. Judää war ein Vasallenstaat der Römer.

Das Geschäftsmodell erinnert irgendwie an die EZB, den neuen Tempel des Geldes, wo Geldwechsler jeden Monat 60 Milliarden Euro unters Volk bringen wollen ohne einen klaren Plan zu haben außer dem, den Reichtum der Reichen zu vermehren. Wie gesagt: Der Tempel wurde zerstört!

Hartmut Dold

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Frohe Ostern

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