Große Herausforderungen für die Stadtplanung

Der Senat ist stramm dabei, aus der Abstimmungsniederlage wegen des Tempelhofer Felds, die falschen Schlußfolgerungen zu ziehen. Er setzt weiter auf Masterpläne und auf Auseinandersetzung mit einer zunehmend kritischeren Bürgerbewegung und benutzt dabei Verwaltungstricks und fragwürdige Gesetzesnovellierungen.

Dabei sind die Zeiten, in denen in Planungsbüros Stadtvisionen am Schreibtisch geschmiedet wurden endgültig vorbei. Auf die Menschen kommt es an. Das gilt auch für die aktuellen Proteste. Sie richteten sich gegen den Abriss gewachsener Strukturen und die Errichtung städtebaulicher Großinvestitionen: Gegen Mediaspree oder gegen den Ausbau der A 100 in Berlin, gegen die Bebauung des Mauerparks, der Kleingartenkolonie Oeynhausen, des Areals Lichterfelde Süd, um nur einige Beispiele zu nennen.

Bereits 1965 beklagte der bekannte Soziologe Alexander Mitscherlich in seinem Buch die „Unwirklichkeit der Städte“ das Vertun der großen Chancen eines urbanen Wiederaufbaus der zerstörten Städte nach dem 2. Weltkrieg. Er machte dafür die Bodenbesitzverhältnisse verantwortlich. Firmen und Privatleute, denen die städtischen Grundstücke gehören, ließen sich von ihrer Profitgier leiten und entwickelten kein Verantwortungsgefühl gegenüber der Gemeinde.

In Berlin ist diese Entwicklung gegenwärtig auf die Spitze getrieben und wir politisch flankiert. Es ist ja nicht so, dass die Ankurbelung des Wohnungsbaus grundsätzlich falsch ist. Das Gegenteil ist der Fall, vertraut man den demografischen Prognosen.
Was die Bürger umtreibt sind die spekulativen Aspekte, der Druck auf den Mietspiegel und die mangelnde Rücksichtsnahme auf ökologische Belange.

Berlin befindet sich in einer Umbruchphase, in der sich Bürgerbewegungen für das eigene Lebensumfeld, die Stadt und ihre Bauten starkmachen und einen kritischen und verantwortlichen Umgang mit Ressourcen einfordern.

Leider wird immer mehr offenbar, dass es dort, wo sich Angebot und Nachfrage als die ausschließlich treibende Kräfte der Stadtentwicklung etablieren, um die lokale Demokratie schlecht bestellt ist.

Durch den Rückzug der öffentlichen Hand in den letzen zwei Jahrzehnten im Zuge der Neoliberalisierung, verlagerte sich die Macht und die Entscheidungsbefugnisse von den politisch legitimierten Organen hin zu privaten Unternehmen, global agierenden Investoren und partikularen Interessengruppen.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die BVV Mitte oder ist sie ein Beispiel für überforderte oder gelenkte Demokratie? Das möchten wir nicht hoffen.

So nimmt es nicht wunder, wenn sich vielerorts, etwa unter dem Motto „Wem gehört die Stadt“, Bewohner und Bürger zusammenschließen, um ihrer Forderung nach demokratischer Teilhabe an politischen Entscheidungen, die das Leben aller in ihrem Stadtbezirk oder Kiez betreffen, Nachdruck zu verleihen.

Eine konkrete Artikulation dessen stellt das Urban Gardening dar. Eine derzeit sehr populäre, „ökologische“ Interventionsform, die die kleinbäuerliche Wirtschaft und Kultur wiederentdeckt hat, ohne sich aufs Land zurückziehen zu wollen.

Ein Beispiel des Urban Gardening ist im Mauerpark zu besichtigen. Andere Ansätze in kleinerer Form gibt es in den Bemühungen den gescheiterten Kinderspielplatz Kopenhagener/Ecke Rhinower im Geimviertel wenigstens temporär wiederzubeleben. (Koppegärtner)

Was kann man daraus lernen?

Ohne die Bewegung des Urban Gardening überbewerten zu wollen: Immerhin fordert sie zu einer neuen Lesart von Stadt auf.
Der Gemüseanbau in Bäckerkisten und auf Europaletten auf dem Tempelhofer Feld am Moritzplatzoder im Mauerpark, verändern kleinteilig das Bild der Stadt.

Zu den Adressaten gehören dabei die Planer und die Stadtverwaltung, die man bei der Gestaltung des öffentlichen Raums darauf stoßen will, dass die Stadt kein Container für noch mehr Autobahnen und Shopping-Malls ist, sondern ein Lebensraum für alle, in dem auch über die Grundlagen der Existenz debattiert werden sollte.

Eine temporäre Nutzung ist gewiss das Gegenteil eines „Masterplan“. Sie geht vom Kontext und vom aktuellen Zustand statt von einem fernen Ziel aus, sie versucht Bestehendes zu verwenden, statt alles neu zu erfinden, sie kümmert sich um die kleinen Orte und kurzen Zeiträume sowie die Zustände zu verschiedenen Zeitpunkten.

Darin artikuliert sich durchaus ein alternatives urbanistisches Verständnis: Statt die Entwicklung der Verwaltung und der Ökonomie allein zu überlassen, versuchen die Zwischennutzer ein Aneignen der Stadt zu erproben.

Was ist falsch daran?

Nichts, nur darf die Zwischennutzung nicht den Blick zu den grundlegenden Problemen der Sadtentwicklung verstellen und die heißen: Grundbesitz, Rendite, Verwertung und Gentrifizierung. Die Politik entscheidet mit und kann gestalten.

Eine Stadtplanung, wie sie im 20. Jahrhundert üblich war, macht gegenwärtig nicht mehr viel Sinn. Heute muss man Ziele formulieren und für die Umsetzung Partner suchen. Die Stichworte heißen: Planerische Verantwortung, Beteiligung, Kooperation und private Initiative.

Wenigstens sollten gesetzliche Standards der Bauplanung die Grundlage sein. Bei der geplanten Mauerparkbebauung ist nicht mal das gegeben.

Ob das der Regierende Bürgermeister und der neue Senator für Stadtentwicklung verinnerlicht haben entzieht sich unserer Kenntniss. Wie immer wir die Zukunft weisen, wohin die Reise geht.

unter Verwendung von: http://www.berliner-zeitung.de/kultur/buergerlobbyismus-2-0-die-stadt-als-spielfeld,10809150,29459326.html

Hartmut Dold

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