Die Abwicklung

Im Juli kam George Packers preisgekrönten Buch „ die Abwicklung – eine innere Geschichte des neuen Amerikas“ auf deutsch heraus. Wir haben es gelesen. Je nach Alter und persönlicher Biografie waren wir, die alten Bewohner des Gleimviertels,  ja auch abgewickelt worden. Dem Einem ging es danach besser, dem Anderen nicht. Mancher lebt noch heute hier, Andere nicht. Deshalb hat uns der Titel neugierig gemacht.

Meistens ist es so, dass die amerikanische Wirklichkeit Jahre später auf Europa überschwappt. In diesem Falle haben, jedenfalls die Ostdeutschen, die US-Realität schon ein wenig voraus.

Das Buch von Packer ist in viele unabhängig voneinander zu lesende Kurzbiographien oder Lebensgeschichten gegliedert, vielfältig aber trotzdem irgendwie durch einen roten Faden verbunden. Es geht um Verfall, ums verlassen werden, um Optimismus, der immer wieder von der Wirklichkeit eingeholt wird, um verlorene Schlachten, aber auch darum, nie aufzugeben.

Im Ganzen beschreibt Packer die Abwicklung des alten Gesellschaftsmodells des New Deal mit dem ein Ausgleich zwischen Arm und Reich vollzogen werden sollte. Grundidee war ein solidarisches Gesellschaftssystem, in dem Jeder die Möglichkeit hatte, seinen persönlichen „American Dream“ zu verwirklichen – vom Tellerwäscher zum Millionär.

Die Gestürzten werden nicht zurückgelassen, sondern ihnen wird aufgeholfen, bis sie wieder selbst laufen können. Der Wirtschaft werden bestimmte Einschränkungen auferlegt, um den egoistischen Raubtierkapitalismus im Zaum zu halten. Die Starken tun und zahlen mehr – der deutsche Sozialstaat eben.

Das sei schon lange vorbei. Inzwischen leben Millionen US-Bürger von Charity. Andere, nicht unbedingt aus der Upperclass, dienen beim Militär, um für sich und ihre Familien einen Lebensunterhalt zu verdienen.

Für Viele gibt es nur Jobs, also zeitlich befristete, unterbezahlte Arbeitsgelegenheiten, wie die von den Jobcentern in Deutschland vermittelten Beschäftigungen.

Packer spricht davon, dass die Entsolidarisierung der US-Gesellschaft schon weit fortgeschritten sei – es zähle nur noch Geld. Die Reichen werden exponentiell reicher, die Mittelschicht löst sich auf und „unten“ wird es immer voller.

Längst sei Politik gegen das Kapital und die Wallstreet nicht mehr möglich. Das einst beschauliche Washington DC ist ein immer größer werdendes Haifischbecken von skrupellosen Berufslobbyisten, denen es ausschließlich um die eigenen Interessen und nicht um Gesamtzusammenhänge geht. Wie erklärte sich sonst z. B. der kreuzzughafte Kampf gegen eine öffentliche Krankenversicherung, der geführt wurde, als gelte es, den Teufel von der Inbesitznahme von „God’s own Country“ abzuhalten?

Natürlich kann man, wenn man will, Parallelen ziehen zu Deutschland, wo Politiker nahtlos in die Industrie wechseln und Großbauprojekte am Bürger vorbei beschlossen und zum Schaden aller durchgezogen werden. Wir leben schließlich in Berlin.

Wie gesagt: Wir haben die Abwicklung schon hinter uns und hoffen, dass wir diesmal Amerika voraus sind. Pleite sind wir alle. Die Bundesrepublik ist mit ca. 2 Billionen verschuldet, die USA mit ca.16 Billionen. Aber wen interessiert das schon so lange Geld gedruckt wird und die Menschen an seinen Wert glauben.

Das Schöne an Packers Analyse ist die Abwesenheit jeglicher Polemik. Er lässt die Tatsachen für sich sprechen, und die Tatsachen sind in diesem Fall die Schicksale von Menschen, die diesen Umbruch durchlebt haben.

„Die Abwicklung“ ist eine äußerst bemerkenswerte Bestandsaufnahme der amerikanischen Gesellschaft, die den Leser ständigen Wechselbädern zwischen Resignation und Hoffnung unterzieht.

Daumen hoch, absolut lesenswert, aber für die persönliche Psyche, je nach sozialer Lage, auch nicht einfach. Unter dem Strich – ein wirklich tolles Buch.

Hartmut Dold

Please follow and like us:
Gleimviertel – Buchtipp

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.