Erste Anfänge eines bürgerschaftlichen Engagements

Wenn man über dieses Thema schreibt, muss man sich natürlich der Implikationen und Intensionen der Begriffsbestimmungen bewußt sein.

Die „Vereinsbewegung“ um die Jahrhundertwende ist sicher nicht mit den heutigen Bürgervereinen direkt vergleichbar, aber historische Unterschiede und Termini können wohl nicht die Intressenorientierung verbergen, die sich aus sozialer- und Statuslage ergibt.

Erste Anfänge solcher Bürgerbeteiligung lassen sich idealtypisch am Beispiel der Entwicklung der Gleimstraße und des Gleimviertels nachvollziehen.

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Am 18.Januar 2012 wird die Gleimstraße, Namensgeber des Gleimviertels, 120 Jahre alt (1892); jedenfals der nördlich des Gleimtunnels im Wedding gelegene Teil. Der südöstliche, heute zu Pankow/Prenzlauer Berg zugehörige Abschnitt, kam 10 Jahre später hinzu.

Bis dahin firmierte die Straße unter der Nr.19, Abteilung XI des Hobrechtschen Bebauungsplanes von 1862 und hatte schon eine bewegte Geschichte.

Erste „Bürgerbewegungen“ wandten sich mit Unterschriftssammlungen gegen den Bau einer „Poudrettfabrik“, die mangels Kanalisation, tierische und menschliche Exkremente verarbeiten sollte, an die zuständigen Behörden. Es ist insofern bemerkenswert, dass erst durch eine Intervention des preussischen Militärs, in Gestalt des Garde-Grenadier-Regiment Nr.1,  das am „Exer“ seine Ausbildung absolvierte, Abhilfe erfolgte.

Weitere Zeugnisse eines „Bürgerbegehrens“ wurden in den nächsten Jahren vor allem vom „Grundbesitzerverein“ vorgetragen, der sich um die Rendite, der durch seine Mitglieder angekauften Flächen sorgte. Hier ging es vor allem um den Personenbahnhof der Nordbahn an der Schwedterstrasse, den die Königliche Eisenbahnbaudirektion aufgeben wollte.

Wenn auch die Beschwerde abgewiesen wurde, war der Verein, der immerhin 1178  Unterschriften sammelte, weiter aktiv.

Die nächste Intervention galt dem Bau des Gleimtunnels.

Die, durch die Nordbahn mit ihrem aufgeschütteten Damm abgeschnitten Hälften, Wedding im Norden und Prenzlauer Berg im Süd-Osten, sollten durch einen Gleimtunnel zusammengeführt werden.

Einen entsprechenden Antrag stellte der „Grundbesitzerverein“ bereits 1899. Dem folgte eine Beschwerde ein Jahr später, unterstützt durch die örtlichen Polizeidirektionen, aus guten Grund.

Eine „vom Grundbesitzerverein“  innitierte Zählung der Bewohner, für die der Gleimtunnel notwendig sei, ergab auf der Seite des Gesundbrunnens 43.989 und an der Schönhauser Allee 21.832 Personen.

1902 gab es die ersten Verhandlungen über den Bau des Gleimtunnels zwischen der Königlichen Eisenbahnbaudirektion, der Stadtgemeinde, den Polizeirevieren und den Grundbesitzervereinen.

Es dauerte bis 1905, bis die endgültige Abnahme des Tunnels durch die Straßenbauinspektion. erfolgte. Den endgültigen Namen „Gleimtunnel“ erhielt die Tunnelführung unter dem Gleisbett der Nordbahn aber erst 1911.

Es klingt bekannt, dass  Bürger ,der seit 1903 zunehmend bebauten Gleimstraße östlich des Tunnels, sich seit 1907 über den Lärm beklagen. Der Antrag der Anwohner und dem örtlichen Polizeirevier 90 auf Asphaltierung wird mit der Begründung abgelehnt, dass „nicht das erst drei Jahre alte Pflaster wegen der Bürger, die kaum länger als zwei Minuten im Tunnel sind und wegen des Trabfahrens der Kutschen entfernt werden könne.“

Probleme gab es auch mit den Straßenschildern und Hausnummern. So wandten sich bereits 1904 die Anwohner der Gleimstraße an das Polizeipräsidium mit der Bitte um Anbringung von Straßenschilder.

Dies zog sich wohl noch eine Weile hin, denn noch 1908 verfasste der Schriftsteller Paul Elmer eine Eingabe an die Kaiserliche Oberpostdirektion, in der er sich beschwerte, dass die Gleimstraße noch immer nicht einheitlich nummeriert sei und es beispielsweise 11 Häuser gäbe, die die Nr.9 trügen.Dadurch käme es zu Verzögerungen bei der Zustellung.

unter Verwendung des Buches „Grenzgänger.Wunderheiler.Pflastersteine.Die Geschichte der Gleimstraße in Berlin“, erschienen im BasisDruck Verlag GmbH 1998, ISBN 3-86163-091-5

Hartmut Dold

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Das Gleimviertel – ein Update 2.0.1
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