Explosion in der Sonnenburger 67

Schaut man aus dem Fenster des Kieztreffs über den Schulhof und den Sportplatz der Schule am Falkplatz bis hinüber zur Sonnenburger Straße, tut sich dort eine unnatürliche Baulücke zwischen dem ehemaligen Bewag Abspannwerk und dem Haus Sonnenburger 65 auf. Hier stand nach Angaben von D.Steiger, der im gegenüberliegenden Haus in der Sonnenburger 74 wohnte, die 7. und 8. Volksschule für Mädchen und Jungen. Sie wurde am 18. Mai 1945 durch eine gewaltige Explosion zerstört. Es gab zahlreiche Tote und Verletzte.

Zu den Verletzten gehörte auch D. Steiger, der hier 1944 eingeschult wurde. Weil er bei der Expolsion verschüttet wurde und jahrelang unter posttraumatischen Störungen litt, hat er sich auf die Suche nach seiner alten Schule gemacht. Doch die war quasi nicht mehr auffindbar. Jedenfalls war ihr Vorhandensein aus den Schulakten getilgt.

Steiger hat darüber jahrelang recherchiert, ehemalige Schulkameraden befragt und schließlich, wenn auch dürre Aktenbeweise, gefunden. Darüber hat er ein Buch geschrieben, „Berlin Ecke Sonnenburger“ – oder: Das mysteriöse Verschwinden einer Schule.“ Wir haben es gelesen. Vieles war uns schon bekannt, anderes nicht.

Lesenswert sind vor allem seine eigenen persönlichen Erinnerungen und Beschreibungen eines Zeitzeugen, der das Ende des 2.Weltkrieges und den Kampf um das Gleimviertel hautnah aus der Sicht eines Kindes miterlebt hat. Deshalb geht es uns nicht um eine Buchrezension, sondern um seine Hauptgeschichte, die Zerstörung seiner Volksschule am 18.Mai 1945 und um die Hintergründe.

Was war passiert?
Die Situation

Das Gleimviertel war bis zum April 1945 von den alliierten Luftangriffen im Unterschied zu anderen Stadtviertel weitestgehend verschont worden. Im Februar traf eine englische Luftmine die Schönfließer Brücke und sprengte das Haus an der Ecke Sonnenburger/Kopenhagener gleich mit in die Luft. Auf dem Grundstück steht jetzt ein „REH“ und eine Grillbude aus Holz. Im gegenüberliegenden, damals ausgebrannten Eckhaus Kopenhagener 17, ist jetzt die Kneipe Kohlenquelle mit ihren Katakomben zu Hause.

Die massive Brücke, nach Plänen von Grenander 1912 erbaut, wurde so schwer zerstört, dass sie nur noch eine Fahrbahn hatte, die andere hing herunter. Immerhin schaffte es ein schwerer T34 Panzer der Roten Armee am 22. April über die Brücke und lieferte sich mit der 8,8 cm Flak der Flugabwehr vom Exer und vom Humboldthain schwere Gefechte.

Im Ergebnis wurde die Vorderseite des Eckhauses Sonnenburger/Kopenhagener 76 abgerissen und im Gefolge der Artillerieduelle die Häuser Kopenhagener 12/11/10 zerstört. Vom Haus Kopenhagener 13 („Solo Sunny“) wurde die Vorderfront abgerissen. Daneben befindet sich heute ein Kinderspielplatz.

Nachdem der Bahngraben, der ursprünglich als Verteidigungslinie gedacht war, aufgegeben werden musste, zogen sich die „Verteidiger“ in Höhe der Gleimstraße zurück, nicht ohne vorher das Eckhaus Kopenhagener 17 in Brand gesetzt zu haben. Im weiteren Verlauf der Kämpfe besetzte die Rote Armee das Bewag-Umspannwerk. Die heutige Schule am Falkplatz war vom „Volkssturm“ besetzt.

An der Gleimstraße versuchten Einheiten der Waffen SS („Das Reich“), mit Unterstützung von Teilen des „Berliner Wachregiments“ und Einheiten der Infanteriedivision „Großdeutschland“ eine neue Verteidigungslinie aufzubauen. Hintergrund war der Schutz der Flakbatterien auf dem Exer und auf dem Humboldthain. Noch wichtiger womöglich das Hauptwirtschaftslager der SS hinter dem Gleimtunnel, Gleimstraße 62 mit Bahnanschluss.

Die weiteren Ereignisse sind bekannt. Die Rote Armee brach woanders durch und am 2. Mai reichte der Kampfkommandant von Berlin, General Wetiling, die Kapitulation ein. Wäre das früher geschehen, hätten viele zivile Opfer und Soldaten im Gleimviertel nicht ihr Leben lassen müssen. Sie wurden zuerst unter dem „Magistratsschirm“ in der Schönhauser Allee zwecks Identifizierung aufgebahrt und dann später provisorisch auf dem Falkplatz beerdigt.

Schule

Nach der Kapitulation Deutschlands wurden die zivilen Verwaltungen in Berlin wieder aufgebaut. Im Ostsektor geschah das durch die sowjetische Militäradministration. Einer der ersten Befehle galt der Eröffnung von Schulen. So wurde Anfang Mai der Schulbetrieb, in der weitestgehend unbeschädigten Volksschule Sieben und Acht in der Sonnenburger Straße 67 wieder aufgenommen.

Darüber berichtet D.Steiger in seinem Buch. „Vor dem linken Seitenflügel bis fast in die Mitte des Schulhofs wuchs, täglich immer größer werdend, ein riesiges Munitionsdepot. Das war die Restmunition der Flak, der Waffen-SS, des Volkssturms und des Wach-Regiments „Groß-Deutschland“.

Über diesen unhaltbaren Zustand  beschwerten sich besorgte Eltern bei der Militärverwaltung. Die ordnete einen Abtransport an. Dazu fuhren mehrere Militär-LKW der Russen vor und an Hand von Listen wurden „Parteigenossen“ der NSDAP, vielleicht auch normale Bürger, zwangsverpflichtet, sich an der Aktion zu beteiligen.

Ein kleiner Funke genügt und alles fliegt in die Luft. Die Ursachen, der darauf erfolgten und mehrere Stunden andauernden Explosion, konnten und sollten nicht geklärt werden. Warum keine Evakuierung der Schüler erfolgte, kann wohl nur der Übergangssituation zugeordnet werden. Die Explosion deckte Häuser ab und sprengte Türen und Fenster aus ihren Angeln. Alle an der Munitionsbergung unmittelbar betroffenen Personen starben. Allein im Nachbarhaus, Sonnenburger 65, gab es 6 Tote.

Warum es darüber keine Aufzeichnungen gibt kann nur mit den Zeitumständen erklärt werden. D.Steiger hat in seinem Buch mehrere eidesstattliche Erklärungen von Zeitzeugen beigebracht, auch einige Dokumente sowie Fotos, die seine Aussagen beweisen. Trotzdem bleiben noch einige Fragen offen.

Hartmut Dold

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Das Geimviertel – Geschichte aktuell

Ein Gedanke zu „Das Geimviertel – Geschichte aktuell

  • 7. April 2014 um 18:54
    Permalink

    Sehr geehrter Herr Dold,

    fast betroffen habe ich bei Ihren Darstellungen meiner Schilderungen in dem Buch „Berlin Ecke Sonnenburger“ zur Kenntnis nehmen dürfen, wie locker Sie mit Zahlen, Daten und Hintergründen umgehen, von denen Sie behaupten, viele zu kennen. So beschreiben Sie das Gelände der Sonnenburger Str.67 als 7. und 8. Grundschule für Mädchen und Jungen. Die richtige Bezeichnung war zu jener Zeit Volksschule. Bezogen auf die Explosion schreiben Sie, dass es viele Tote und Verletzte gab, zu denen auch D. Steiger gehört hat. – Frage: Gehörte ich zu den Toten oder zu den Verletzten?
    Die nächste Ungenauigkeit gleich hinter her: Obwohl der Krieg in Berlin erst am Nachmittag des 2. Mai 1945 beendet war, stellen Sie die Behauptung auf, dass ich am 1. Mai 1945 eingeschult wurde. An dem Tage wurde noch im Gleimviertel scharf geschossen. Lesen Sie bitte in meinem Buch die Seite 95, da werden Sie sehen, dass ich bereits 1944 eingeschult wurde.
    Ihre Beschreibung der Luftangriffe ist auch an den Haaren herbeigezogen. Ihre Beschreibung, dass im Februar 1945 eine englische Luftmine die Schönfließer Brücke getroffen und das Eckhaus dabei in die Luft gesprengt hätte, stimmt überhaupt nicht mit den Tatsachen überein. Wäre dem so gewesen, hätte es der, wie Sie schreiben, “schwere T34 Panzer der Roten Armee“ nie geschafft, die Brücke zu überqueren. Zum anderen, hatte noch Jahre lang die rechte Seite der Brücke, von der Sonnenburger Straße aus gesehen, die gleiche Funktion, den der Steg heute hat. –
    Richtig ist in diesem Zusammenhang, dass am 3. Februar 1945 ein als „Operation Donnerschlag“ exakt geplanter Tagesangriff der amerikanischen Bomberflotte, welcher Berlin an den Rand der Niederlage bringen sollte, stattgefunden hat.
    Richtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass eine amerikanische Luftmine, welche wohl die BEWAG oder auch die Brücke treffen sollte, genau auf das dazwischen stehende Wohneckhaus Kopenhagener/Sonnenburger Straße fiel und es total zerstörte. Dabei sind Gebäudeteile auf die linke Seite der Brücke gefallen und haben sie beschädigt. Danach war die Brücke nur noch rechtsseitig zu benutzen. – Alles nachzulesen auf Seite 102 bis 104 meines Buches.
    Ebenfalls stimmt nicht, dass das Haus Kopenhagener Str. 17 ausgebrannt war. Nur die Gebäudeteile die zum Bahnhang zeigen, wurden bei der Wiedereroberung der Brücke durch die 1.Weißrussische Front, stark beschädigt, nicht aber die vorderen Gebäudeteile des Eckhauses. In der ersten Etage wohnte nach dem Krieg u. a. auch eine Familie Abel.
    Dass die Häuser der Kopenhagener Str. 10/11/12 infolge der Artillerieduelle während der Straßenkämpfe total zerstört wurden, ist richtig. Auch das Haus Nr. 13 („Solo Sunny“) hatte etwas abbekommen (Vorderfront). Der Kinderspielplatz, den Sie nebenbei erwähnten, befindet sich aber auf den Fundamenten der Häuser Kopenhagener Str. 10/11/12.
    Hinsichtlich der Schule: Der Schulbetrieb wurde erst am 1. Juni, nicht aber Anfang Mai wieder aufgenommen.
    Ich hoffe, dass ich Ihnen mit der Richtigstellung der verdrehten Tatsachen, helfen konnte.
    Mit freundlichen Grüßen

    Dieter Steiger
    – Autor –

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