Vertreibung aus dem digitalen Paradies

Keine Sorge, hier gibt es jetzt keine Neujahrsansprache an die Bürger des Gleimviertels. Auch keine Wiederauflage einer versehentlichen Ansprache der Kanzlerin aus der digitalen Konserve des Vorjahres wie zu Kohls Zeiten. Unsere Neujahrsansprache ist der kurze Auftritt von Snowden im britischen Sender „Chanel 4“ vor Weihnachten. Dort beschreibt er in wenigen markanten Worten den Verlust der digitalen Unschuld. Ist er der neue Erzengel Michael?

Seine Kernaussage ist: „Wenn heute ein Kind geboren wird, dann weiß es nicht mehr, was Privatsphäre überhaupt ist. Es wird nicht mehr wissen, was es bedeutet, einen Gedanken zu haben, der weder aufgenommen wurde, noch analysiert.“ Die Überwachung hätte bereits alle Orwellschen Phantasien gesprengt. Die Regierungen hätten ein System der Massenüberwachung eingeführt, das, wenn es will, alles sieht und analysiert, was wir machen.

Leiden wir unter Verfolgungswahn?

Paranoia – mitnichten! Die Orwellschen Überwachungskameras, die sowieso schon omnipotent den öffentlichen Raum abfilmen, sind im Prinzip durch Handys ersetzt, die unsere Bewegungsprofile aufzeichnen können. Auch die der Leute, die sich um uns herum bewegen. „Wir haben Detektoren in unseren Taschen, die uns folgen, wo immer wir hingehen.“ Die Internet-Firmen kennen unserer Benutzer-und Kaufverhalten. Sozial-und andere Behörden können unsere Kontenbewegungen einsehen.

Keiner will es wissen

Die Regierungen schauen weg und der Bürger denkt: Ich bin nicht betroffen. So viel Gleichgültigkeit war selten. Snowden fordert deshalb die Regierungen daran zu erinnern: „Wenn sie unbedingt wissen will, wie wir uns fühlen, soll sie uns einfach danach fragen. Das ist billiger als spionieren.“ Die Bürger könnten sich durch ihr Konsumentenverhalten wehren. Davon sind wir meilenweit entfernt.

Die kommerzielle Seite

Da wird es schon ernster. Vertrauen ist, ähnlich wie bei Banken, die Grundlage für das Geschäftsmodell des E-Commerce. Ist es erst einmal zerstört, funktioniert es nicht mehr. Wenn den Menschen bewusst wir, dass sie ihre Einkäufe oder privaten Informationen, ihr Bankkonten oder Ähnliches quasi wie mit einem Megafon auf einem Marktplatz verbreiten, könnten sie sie misstrauisch werden.

Verschlüsselungssysteme helfen nur temporär, weil sie bald von den „Bösen“ geknackt werden. Dann wird klar: Alles, was geschieht, ist lesbar. Alles, was eingespeist wird, kann abgefragt und analysiert werden. Im Zweifel auch gegen den Einspeiser. Nichts bleibt unverborgen, nichts bleibt unsichtbar.

Wir stehen nackt und bloß da. Nicht unbedingt vor unserem Schöpfer, aber gewiss vor unserem Abschöpfer. Der Kaiser ist nackt, aber solange alle mitmachen fällt es nicht auf.

Wehe wenn der Vorhang fällt

Was heißt wehe? Er muss fallen! Allen muss klar werden wer und was unsere Demokratie und unsere Grundrechte beschädigt. Es geht um weit mehr als um illegale Lauschangriffe. Es geht um unsere grundlegenden und verfassungsgemäß geschützten Rechte und um die Vertreibung aus dem digitalen Paradies, als Vorbote einer realen Bedrohung oder Spaltung der Gesellschaft zwischen Herrschenden und Beherrschten.

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Allen Lesern dieser Webseite wünsche ich ein Gutes Jahr 2014. Haltet die Augen und Ohren offen und schaut auch mal über den Tellerrand.

Hartmut Dold

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Neujahrsansprache

2 Gedanken zu „Neujahrsansprache

  • 9. Januar 2014 um 02:54
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    I’ve also been wondering about the very same issue personally recently. Happy to see another person on the same wavelength! Nice article.

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