Gleimviertel – Geschichte von Nebenan

Ein Sofa ist es nicht gerade, die rote Plaste-Schale vor dem Eingang zu S-Bahn Station Bornholmer Straße. Noch im August konnte es akustische Geschichten erzählen. Die vom Blutmai 1929, von Wilhelm Böse, dem gegenwärtigen Namensgeber der Brücke und von der Grenzöffnung 1989. Heute, Mitte Dezember blieb es stumm. Aber vielleicht braucht man einen Vierkantschlüssel, um es zum Reden zu bringen. Den hatten wir leider nicht.

Das Rote Sofa ist eine Kunstinstallation des Künstlerpaares Twin Gabriel und trägt den Namen „Mind the Gap“. Kann man es bedienen sollten eigentlich die „Wahnsinn, Wahnsinn… Schreie erklingen, die am 9. November die Ostberliner Bürger von sich gaben, als sie die Grenzöffnung erzwangen. Ich war einer von ihnen. Sollte dann das Programm wechseln, müsste eigentlich ein altes Arbeiterkampflied erschallen.

Links, links, links, links! Die Trommeln werden gerührt!
Links, links, links, links! Der Rote Wedding marschiert!
Hier wird nicht gemeckert, hier gibt es Dampf,
Denn unsre Parole heißt Klassenkampf (…)

Auf der Westseite der Brücke tobte 1929 der Blutmai, bei dem zwischen 32 und 38 Demonstranten von der Polizei erschossen wurden. Erich Weinert schrieb den tapferen Helden noch im selben Jahr diese Hymne.

Es ist offensichtlich. Diese Brücke hat historische Bedeutung. In der DDR hieß sie eigentlich nur Bornholmer. An die Brücke selber und so auch an die Bronzetafel von Wilhelm Böse, einem Kommunisten in der Weimarer Republik, der von den Nazis umgebracht wurde, kam keiner ran – Sperrgebiet! Das ist schon surreal, wurden doch die kommunistischen Helden in der DDR geehrt. Aber die Ehrung war offensichtlich an der falschen Stelle.

Die Brücke selbst war eine stählerne Auslegerkonstruktion nach den Plänen des Stadtbaurats Friedrich Krause. Sie wurde von 1913 bis 1916 aus Nickel-Stahl gebaut und war ein Beispiel für gute Ingenieurskunst. Ihr erster Name war Hindenburgbrücke, da war Deutschland bereits zwei Jahre im Ersten Weltkrieg. Die Schäden im 2. Weltkrieg waren marginal. Am 5.Juli 1948 wurde sie nach dem 1944 von den Nazis hingerichteten Widerstandskämpfer Wilhelm Böse benannt.

Böse sebst stand an der Bornholmer Brücke und sammelte für die Rote Fahne, dem Parteiorgan der KPD und für Spenden für inhaftierte Antifaschisten. Nach ersten Weltkrieg als Soldat und Rückkehr aus russischer Gefangenschaft wurde er Mitglied und Funktionär der KPD im Prenzlauer Berg. 1934 wurde er verhaftet und saß 2 Jahre im Zuchthaus ein.

Nach seiner Haft hielt er wieder Kontakt zu seinen Genossen und beteiligte sich am Aufbau der Widerstandsorganisation um Robert Uhrig und John Sieg. Im Februar 1942 wurde er von der Gestapo verhaftet und zwei Jahre lang in Konzentrationslagern inhaftiert. Anschließend kam er ins Gerichtsgefängnis Potsdam. Am 21. Juni 1944 verurteilte ihn der Volksgerichtshof zusammen mit Arthur Sodtke, Johann Pierschke, Walter Strohmann und Hermann Tops zum Tode. Das Urteil wurde im Zuchthaus Brandenburg-Görden im August 1944 vollstreckt.

Das Areal vor der östlichen Seite der Böse-Brücke wurde vor kurzen durch Gedenktafeln, einem Gedenkstein und einer Namensgebung historisch aufgewertet. Im Wesentlichen wird dort der friedlichen Revolution 1989 gedacht. Das ist auch gut so!

Hartmut Dold

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Das rote Sofa auf der Bornholmer Brücke

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