Oder ist es ein Stauraumkanal unter dem Mauerpark?

In der Bürokratie-Satire von E.Kishon beginnt Kasimir Blaumilch, ein aus einer Anstalt Entflohener, die Hauptverkehrsstraße von Tel Aviv mit einem Presslufthammer aufzureißen. Weil die Anwohner sich über den ununterbrochenen Lärm beschweren, wird die Polizei tätig. Der zuständige Behördenleiter weiss von nichts und der schwarze Peter wird weiter geschoben. Das alles kann natürlich niemals bezüglich des neuen Stauraumkanals entlang der Schwedter Straße unter dem Mauerpark passieren, wie wir aus zuverlässiger Quelle wissen – oder?

Die Veranstaltung

Es waren ca. 30 Leute im Kinosaal 5 des Colosseums erschienen, um sich mit einem geplanten Großbauprojekt im Mauerpark bekannt zu machen. Allerdings waren zwei Drittel der Anwesenden von Berufswegen dort: Mitarbeiter der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, des Bezirksamts Pankow, der Berliner Wasserbetriebe und Journalisten. Die Anzahl der Anwohner lag deutlich unter zehn. Das führte zu einem Wortwechsel über die Bedeutung dieser Veranstaltung. Diese könne doch nicht ernsthaft als eine Form der Bürgerbeteiligung gelten, warf Heiner Funken ein. Die Vertreter der BWB und Stadtrat Kirchner entgegneten, dass dieses Vorhaben die Bürger offenbar nicht so brennend interessiere. Die zurückhaltende Einladungspolitik und der Ort lassen doch eher vermuten, konterte Funken, dass das Interesse an einer wirklichen Bürgerbeteiligung offenbar nicht allzu groß sei. Da sollte man sich über Gegenwind nicht wundern, wenn diese Planungen und vor allem die erheblichen Beeinträchtigungen in der sehr langen Bauzeit im Viertel breiter bekannt würden.

Das Medienecho

Die Darstellung von Stefan Strauss in seinem Kommentar „Nörgelbezirk“ in der Online-Ausgabe der Berliner Zeitung vom 1.10. wird der Debatte nicht gerecht. Strauss denunziert die Vorbehalte in der Sache und die Kritik am Verfahren als kleinkarierten Protest von sonst so ökologisch-beflissenen Anwohnern des Öko(Gleim)Viertels gegen ein sinnvolles Öko-Projekt. Warum statt kritischem Journalismus, muss sich Strauss fragen lassen, unkritische Verbreitung der Verlautbarung der Ämter und der BWB? Da werden ein paar tote Fische gezeigt und auf die EU-Wasserrahmenrichtlinie aus dem Jahre 2000 verwiesen und damit ist das Vorhaben sakrosankt?

Viele Fragen bleiben offen

Dabei liegen viele Fragen auf der Hand: Warum haben Senat und Wasserbetriebe vor drei Jahren das Vorhaben noch teilweise anders begründet und in erster Linie als unabdingbare Voraussetzung für das Projekt Panke 2015 (Renaturierung) deklariert? Wie ist zu erklären, dass der Bezirksbürgermeister Köhne in seiner Zuständigkeit für die Grünanlagen noch 2011 einen Verlauf des Stauraumkanals auf Pankower Gebiet des Mauerparks definitiv ausgeschlossen hatte und der heute zuständige Bezirksstadtrat Kirchner auf einmal erklärt, dass dieser Verlauf auf Pankower Gebiet unter der ehemaligen Schwedter Straße alternativlos sei?

Wie passt diese heutige Feststellung von Herrn Kirchner zu seiner Information im vorherigen Jahr, dass das gigantische unterirdische Bauwerk im Bezirk Mitte errichtet würde? Warum wird nicht die Kapazität des Klärwerks vergrößert? Warum ist von den 2011 vorgestellten Varianten nun diejenige angeblich alternativlos, die damals von den Wasserbetrieben als die für sie vorteilhafteste bezeichnet wurde? Warum kann ein Stauraumkanal weiter westlich (in 8 m Meter Tiefe) nicht gerade verlaufen? Warum muss er überhaupt diese Dimension (Fassung von 7000 m3) haben, wenn er, wie dargestellt, lediglich die Aufgabe hat, bei Starkregenereignissen das Abwasser aus nur drei Straßenzügen kurzzeitig zurückzuhalten? Warum bedarf es der überdurchschnittlich vielen Einstiegsschächte im Mauerpark bei dem sehr großen Kanaldurchmesser (3,80 m), der ja einer Wartung mit zwei oder drei Zugängen problemlos ermöglichen sollte? Was ist aus der ursprünglich mal genannten Wartungstrasse für 26 Tonnen schwere Servicefahrzeuge geworden? Und viele andere Fragen mehr…

Polemik, statt Sachdarstellung?

Die heute so opportune Polemik gegen die Prenzlauer Berger „Nörgler“ aus dem Öko-Kiez hätte sich Stefan Strauss sparen und stattdessen seine an sich informative Sachdarstellung in der Berliner Zeitung vom 2. Oktober um einige kritische Fragestellungen vertiefen können. Es geht hier berlinweit um ein 100-Millionenprojekt, das die Berliner Bürger bezahlen sollen. 62 Mio. aus dem Landeshaushalt (2013-21) und den Rest über die Abwasser-Gebühren. Da sollte Kritik nicht nur erlaubt, sondern Pflicht sein.

Um sich ein Bild von dem Vorhaben zu machen, sei neben der Sachdarstellung von Stefan Strauß in der Berliner Zeitung die Darstellung von Alexander Puell auf der WEB-Seite der Freunde des Mauerparks genannt. Puell macht auf die Beeinträchtigung der Parknutzung durch die Baustelleneinrichtung, insbesondere im Bereich des Hauptzugangs zum Mauerpark an der Eberswalder Straße aufmerksam. Es war von den BWB und vom Senat zugesagt worden, die Beeinträchtigung für den Mauerparkbetrieb in engen Grenzen zu halten. Die vom Bezirk verlangte Beschränkung der Bauzeit auf der Zeit von November bis März hilft angesichts der Streckung der Maßnahme auf 5 Jahre (!!!) und der Dimension der Baustelleneinrichtungen insbesondere an der Eberswalder vermutlich wenig, sondern scheint eher kontraproduktiv, wie Puell nachvollziehbar kritisiert.

Die Belastungen für die Anwohner des Gleimviertels sind sicher ein wichtiges, aber m.E. ein nachgelagertes Problem. Der Mauerpark ist ein Ort von gesamtstädtischer und internationaler Bedeutung und da sollten sich alle Verantwortlichen in der Stadt und nicht nur die Anwohner sehr gut überlegen, wie man mit diesem weltweit bekannten Ort umgeht.

Als bornierter Kiezbewohner könnte ich einer vorübergehenden Deattraktivierung des Eventortes Mauerpark sogar viel Gutes abgewinnen. Eine solche „Zwangsberuhigung“ wäre der Stärkung seiner Parkfunktion und der Erholung des Grüns sicherlich dienlich. Und eine mehrmonatige Totalsperrung der Gleimstraße vor dem Gleimtunnel ist nun für das Viertel wahrlich kein Schreckensszenarium. Die Aussperrung des Durchgangsverkehrs verspricht eine erholsame Ruhephase für den Kiez. Natürlich drohen dabei auch bedenkliche Nebenwirkungen wie die Öffnung der Kopenhagener Straße zur Schwedter und der LKW-Lieferverkehr zum ALDI über die Gehwegvorstreckung vor dem Kinderbauernhof. Denn eine Zwangsschließung des Discountmarktes steht wohl nicht in Aussicht.

Aber wie gesagt, dass sind nur unsere kleinen Kiezprobleme während der Bauzeit des Superkanals unter dem Mauerpark, wie lange diese auch immer sein mag. Die stehen hinter der Frage der Sinnhaftigkeit des Projekts, seiner Dimension, seiner Kosten und seiner Lage zurück. Das Wort vom „Blaumilchkanal“ macht die Runde. Nur, wer ist in dieser Reality-Show Kasimir Blaumilch und wer Dr. Kwibischewsky? Der Siegerentwurf für den Mauerpark von Prof. Lange sah ja ursprünglich zwei Wasserläufe vor…

Sei es wie es sei. Bezirksstadtrat Kirchner (Pseudonym Dr. K.?) hat mitgeteilt, dass er bis Jahresende in den Gremien des Bezirks eine politische Zustimmung für das Projekt erreichen will. Die Bürger des Gleimviertels wurden mit der Veranstaltung informiert –  und es könnten auch bei Bedarf weitere Informationsveranstaltungen folgen –  entscheiden tun sie aber in dieser Sache nicht, so Kirchner.

Wir werden Sie auf dieser Seite auf dem Laufenden halten und auch hier die zugesagte Präsentation der BWB vom 26.09.2013 – so wir sie bekommen haben – publizieren.

Michail Nelken

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Der Blaumilchkanal

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