III.“Bürgerbewegung“ in der DDR

In einer Diktatur, auch einer der „Arbeiter und Bauern“, bekommt die Bürgerbewegung einen anderen Stellenwert. Eine Emanzipazion von der Politik wird nicht gewollt und nicht geduldet. Das widerspricht dem Selbsverständnis eines Staates, in dem angeblich alles dem Wohl seiner Bürger gilt. Man sollte deshalb eher von „Bürgerinitiativen“ im Rahmen staatlicher Zielsetzungen sprechen.

Trotzdem kann nicht behauptet werden, dass es keine Bürgerbeteiligung gab. Sie war in der Regel staatlich organisiert, lies aber auch kleine Freiräume und Nischen zu. Und es gab ja auch Bürger, besonders in den Anfangsjahren, die sich vom sozialistischen Ideal angezogen fühlten und bereit waren, dafür ihre Kraft einzusetzen und Deutschland wieder aufzubauen.

Die Anfangsjahre der DDR

NAW

Eine Organisationsform für derartig gelenkte Masseninitiativen war das Nationale Aufbauwerk (NAW). Mit dem Aufruf zum Aufbau von „Berlin – Hauptstadt der DDR“ im November 1951 begann es, weitere Schwerpunkte folgten. Zum Beispiel der Bau des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks im Rahmen der Vorbereitung auf die III.Weltfestspiele der Jugend und Studenten Anfang der 50-er Jahre. Hier sind wir wieder im Gleimviertel auf dem Gelände des ehemaligen „Exer“.

NAW-Tätigkeit musste außerhalb der gesetzlichen Arbeitszeit, meist an Wochenenden geleistet werden. Durch freiwillige und unbezahlte Arbeit sollten zusätzliche Leistungen erbracht werden. Das war nicht immer und bei allen beliebt.

Für diejenigen, die eine Genossenschaftswohnung wollten, Wohnraum war knapp, wie auch heute wieder, war es unabdingbar Aufbaustunden zu leisten. Um an eine solche Wohnung zu kommen, mußte ein erheblicher Prozentzatz der Genossenschaftsanteile in Arbeitsleistungen erbracht werde. Oft hunderte oder mehr Stunden,  je nach Größe der Wohnung. Und das nach einer 6-Tage Arbeitswoche, also in der Regel an Sonntagen. Neben dem materiellen Anreiz gab’s auch einen ideellen, die „Aufbaunadel! Als Anstecker in den Farben Bronze, Silber und Gold. Manch einer war stolz d’rauf, heute kaum mehr nachvollziehbar.

FDJ-Initiativen

Wie sich gegenwärtig am Beispiel des Sommerhochwasser 2013 gut beobachten lies, ist die Jugend bereit und willens sich für die richtigen Ziele zu begeistern und in solidarischer Gemeinschaft ihr Bestes zu geben.

Das hatten sich Jugendforscher und Ideologen in der DDR schon in den 50-er Jahren zu eigen gemacht, um die Jugend für ihre sozialistischen Ziele und volkswirtschaftlichen Projekte einzuspannen. Im Rahmen dieser Kampagnen wurde der Rostocker Übersehhafen errichtet, die Wische entwässert, die Schwarze Pumpe, das PCK Schwedt und das EKO-Ost aufgebaut. Die Beteiligten hatten das Gefühl an etwas Bedeutendem teilgenommen zu haben, materielle Vorteile und Karrierechancen inclusive. Und wer hart und schwer gerbeitet hatte und die organisatorischen und logistischen Mängel sah, pfiff meistens auf die Ideologie und war sich seiner selbst und dem Wert seiner Arbeit bewußt.

Der Verfasser selbst hat 1972, in den Semesterferien nach dem 1.Studienjahr, mehr oder wenig freiwillig, 6 Wochen lang die 15 m hohen Dächer der Leichtbauhallen im EKO-Stahlwerk Eisenhüttenstadt gedeckt. Es war eine schwere. aber für einen Studenten gut bezahlte Arbeit, und er war stolz darauf.

In den 80-er Jahren musste der Staat schon tiefer in die Taschen greifen, um qualifizierte und motivierte Jugendliche für das „BAM-Projekt“ zu gewinnen. Die Aufbruchsjahre waren vorbei, eine Neubauwohnung oder ein Trabi das angestrebte Ziel. Trotzdem folgten Tausende und sie hatten danach eine eigene, realistische Wahrnehmung von der Sowjetunion.

Goldene Hausnummer

Die Idee für die Auszeichnung stammte vom Magistrat von Berlin. Seit Mitte der 1980-er Jahre hatten die Wohnbezirksausschüsse(WBA) sie im Osten der Stadt verliehen. Sie war ein Dank an alle, die sich um ihr Haus, die Innenhöfe und die Wohnumwelt gekümmert hatten. Denn den kommunaler Wohnungsverwaltungen(KWV), die die Häuser im Auftrag der Stadt verwalteten, standen immer weniger Mittel für Erhalt und Sanierung zur Verfügung. Eigeninitiative für die Gestaltung der Innenhöfe, der Hausflure, Balkone und Grünflächen war deshalb umso mehr gefragt.

Im Kern eigentlich unpolitisch und auf den Gedanken der Nachbarschaftshilfe basierend, konnte sich die Initiative nicht ganz dem allgemeinen Kontrollzwang und einer bestimmten politischen Ausrichtung entziehen. Es wurde auch schon mal gefordert, das Haus bei politischen Anlässen besonders gut zu beflaggen oder bei „Wahlen“ frühst möglichst in den Wahllokalen zu erscheinen.

Trotz dieser für den DDR-Sozialismus typischen Erscheinungen bleibt vielen Bürgern der Wettbewerb um die „Goldene Hausnummer“ in guter Erinnerung, war sie doch behaftet mit den Gedanken an gemeinsame Hoffeste, Kellerpartys, Aufräumungs- und Begrünungsaktionen und Ausdruck gelebten nachbarschaftlichen Engagements.

Es gibt sie noch die „Goldene Hausnummer“. In der Kopenhagener Straße gleich zweimal: Haus Nr. 41 und Nr. 67. Über 3500 wurden damals an „verdiente“ Hausgemeinschaften vergeben, wie die Berliner Zeitung noch im Januar 1989 vermeldete.

Heute glänzen sie nicht mehr golden, der Lack ist ab. Das trifft auch auf die betreffenden Häuser zu, die zu den wenigen unsanierten Gebäuden in der Kopenhagener Straße zählen. Fast ein Hohn, dass es sich bei der heruntergekommenen Plakette mit dem Berliner Bären ausgerechnet um eine Auszeichnung für besonders gepflegte Häuser aus DDR-Zeiten handelt.

Im Haus Nr.67 spielt sich gerade ein Drama ganz besonderer Art ab. Das hätten sich die einstigen Bewohner bestimmt nicht so vorgestellt.

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Hartmut Dold

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Das Gleimviertel – 125 Jahre Bürgerbewegung III