Erste Anfänge bürgerschaftlichen Engagements im Gleimviertel

Die „Vereinsbewegung“ um die Jahrhundertwende ist sicher nicht mit den heutigen Bürgervereinen- oder Initiativen direkt vergleichbar. Trotz historischer Unterschiede und Termini können aber Parallelen gezogen werden.

  1. Es geht immer um das Spannungsfeld zwischen Partikular- und Gemeininteressen.
  2. Der Bürger vor Ort fühlt sich von der Politik nicht hinreichen vertreten, oft auch verraten.
  3. Die Interessenorientierung der engagierten Bürger resultiert aus ihrer sozialen und wirtschaflichen Lage. Daraus ergeben sich auch die Protestformen.

Wer glaubt, Gechichte hätte nichts mit der Gegenwart zu tun, der irrt. Der Kampf um den Mauerpark hat historische Parallelen, wie auch die Spekulationswelle um hohe und höchste Mieten. Dagegen haben sich schon immer Bürger gewehrt. Allerdings aus unterschiedlichen Interessen und mit mehr oder weniger Erfolg.

I. Deutsches Kaiserreich

Das Gleimviertel wurde um die Wende des 19. zum 20.Jahrhundert erschlossen und bebaut. Erste Anfänge einer Bürgerbeteiligung lassen sich idealtypisch am Beispiel der Entwicklung der Gleimstraße nachvollziehen.

Eine erste „Bürgerbewegung wandte sich mit einer Unterschriftssammlung gegen den Bau einer „Poudrettfabrik“. Diese sollte tierische und menschliche Exkremente verarbeiten und mittels Pferdefuhrwerken, mangels Kanalisation, über die Gleimstraße abtransportieren. Die Eingabe an die zuständigen Behörde wurde unterstützt durch eine Intervention des preussischen Militärs, in Gestalt des Garde-Grenadier-Regiment Nr.1, das am „Exer“ seine Ausbildung absolvierte. Dieser Koaliation konnten sich die Behörden nicht versagen.

Nordbahn und Gleimtunnel

Weitere Zeugnisse eines „Bürgerbegehrens“ wurden in den nächsten Jahren vor allem vom „Grundbesitzervereinvorgetragen, der sich um die Rendite, der durch seine Mitglieder angekauften Flächen sorgte. Hier ging es vor allem um den Personenbahnhof der Nordbahn an der Schwedter Straße, den die Königliche Eisenbahnbaudirektion aufgeben wollte.

Die Beschwerde wurde abgewiesen. Aber der Verein, der immerhin 1178 Unterschriften sammelte, war weiter aktiv. Seine nächste Intervention galt dem Bau des Gleimtunnels.

Die, durch die Nordbahn mit ihrem aufgeschütteten Damm abgeschnitten Hälften, Wedding im Norden und Prenzlauer Berg im Süd-Osten, sollten durch einen Gleimtunnel zusammengeführt werden. Einen entsprechenden Antrag stellte der „Grundbesitzerverein“ bereits 1899. Dem folgte eine Beschwerde ein Jahr später, unterstützt durch die örtlichen Polizeidirektionen. Dies wurde durch eine einfachere Verbrechensbekämpfung begründet.

1902 gab es die ersten Verhandlungen über den Bau des Gleimtunnels zwischen der Königlichen Eisenbahnbaudirektion, der Stadtgemeinde, den Polizeirevieren und den Grundbesitzervereinen. Es dauerte bis 1905, bis die endgültige Abnahme des Tunnels durch die Straßenbauinspektion. erfolgte. Den endgültigen Namen Gleimtunnel erhielt die Tunnelführung unter dem Gleisbett der Nordbahn aber erst 1911.

Es klingt bekannt, dass sich Bürger über zunehmenden Lärm im Gleimtunnel beklagen. Der Antrag der Anwohner und dem örtlichen Polizeirevier 90 auf Asphaltierung wird mit der Begründung abgelehnt, dass „nicht das erst drei Jahre alte Pflaster wegen der Bürger, die kaum länger als zwei Minuten im Tunnel sind und wegen des Trabfahrens der Kutschen entfernt werden könne.“

Probleme gab es auch mit den Straßenschildern und Hausnummern. So wandten sich bereits 1904 die Anwohner der Gleimstraße an das Polizeipräsidium mit der Bitte um Anbringung von Straßenschilder. Dies zog sich wohl noch eine Weile hin, denn noch 1908 verfasste der Schriftsteller Paul Elmer eine Eingabe an die Kaiserliche Oberpostdirektion, in der er sich beschwerte, dass die Gleimstraße noch immer nicht einheitlich nummeriert sei und es beispielsweise 11 Häuser gäbe, die die Nr.9 trügen. Dadurch käme es zu Verzögerungen bei der Zustellung.

Davon kann aber der Bürgerverein Gleimviertel in der Kopenhagener Straße 50 heute noch ein Lied singen.

Das Gleimviertel als Spekulationsobjekt

Schon einmal war das Gleimviertel Spekulationsobjekt. Kurz vor der Jahrhundertwende, also um 1895 herum, hatten sich Terraingesellschaften die Bebauungsflächen gesichert. Das war für sie ein risikolosen Geschäft. Sie verkauften den ortsansässigen Handwerksmeistern die Grundstücke, die diese auf eigene Rechnung bebauten. Konnten sie die Häuser nicht gewinnbringend verkaufen, waren sie pleite.

Die Geschichte und die Geschäfte um den Falkplatz

Als die OHG Simon&Bloch 1904 den südlichen, etwa 5 Hektar großen Teil des Platzes N an die Stadt verkaufte, konnte sie sich die Hände reiben, sie hatte ein Schnäppchen gemacht! Bis dahin hatte sie sich durch die Parzellierung und Verpachtung, des ihnen gehörigen Geländes, rings um den Platz N, sowieso schon ein ansehnliches Vermögen verdient. Allerdings warf ein städtischer Platz, wie im Bebauungsplan vorgesehen, keine  Rendite ab. Deshalb feilschten Simon&Bloch mehrere Jahre mit der Stadt.

Schlußendlich bot die OHG der Stadt an, ca 2/3 des Platzes in öffentliche Hand zu geben, um 1/3 für Bauland zu nutzen. Die Stadt ging darauf ein.

Welch eine peinliche Parallele zu Gegenwart und dem Feilschen der Immo AG mit dem Land Berlin. Da waren die Altvorderen genau so cleverer wie die Immo AG oder die Groth Gruppe gegenüber dem Land Berlin. Schadensersatzansprüche ausgeschlossen, für Risiken und Nebenwirkungen haftet ausschließlich Berlin!

unter Verwendung des Buches „Grenzgänger.Wunderheiler.Pflastersteine.Die Geschichte der Gleimstraße in Berlin“, erschienen im BasisDruck Verlag GmbH 1998, ISBN 3-86163-091-5

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Hartmut Dold

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Das Gleimviertel – 125 Jahre Bürgerbewegung I
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